HANSI
Es gibt einen Ort, den zu bereisen für einen mehr bereithält als der dichte Amazonasregenwald hinter Manaus, in dem man weiter gehen kann als in der Taklamakan-Wüste in Chinas Nordwesten, der unerforschter ist als das Muchimuk-Höhlensystem in Venezuela. Dieser Ort heisst: Vergangenheit.
Ich hatte eine Lesung in dem Dorf, in dem ich meine ersten achtzehn Lebensjahre verbracht hatte. Das Dorf heisst Maisprach, es liegt im Kanton Baselland, sanfte Hügel, Kirschbäume, wunderbare Landschaft. Leider konnte ich nicht viel von ihr sehen, es war bereits dunkel, als ich meinen Wagen vor dem Gemeindehaus parkierte. Doch ich sah eine Treppe im Schein einer Strassenleuchte. Die Treppe verschwand im Dunkel. Ich wusste, wo sie hinführt: hoch zum Schulhaus. Nie mehr hatte ich an sie gedacht. Hatte sie vergessen. Wie viele Male war ich dort hoch- und wieder runtergegangen mit kurzen Beinen und mal eilenden, mal trödelnden Schrittes? Am beschwerlichsten war der Aufstieg, wenn oben der Zahnarztwagen mit dem Doktor mit den wurstigen Fingern wartete. Sommers sassen wir auf den Stufen und tauschten Panini-Bildchen. Winters rutschten wir aus und fielen auf den Arsch.
Nach der Lesung gab es Apéro mit einem guten Tropfen – nicht von ungefähr trägt die Gemeinde zwei Weintrauben im Wappen. Und ich sprach mit Menschen, die ich seit Dekaden nicht mehr gesehen hatte. Primarschulkameraden etwa, die sagten: «Weisst du noch, als wir auf der Schulreise in das Wespennest traten?» Tausend Geschichten. Tausend Flashbacks. Es war wie eine Rückführung. Und eine sagte: «Du hattest doch den Raben.» Es fiel mir wieder ein, was ich nie vergessen hatte. Ich mochte vielleicht zehn Jahre alt gewesen sein, war unterwegs mit dem Velo, auf dem Weg ins Nachbardorf, um dort im Coop einzukaufen, da sah ich am Ufer des Bachs einen Raben, scheinbar verletzt, flugunfähig mit lahmem Flügel. Ich hielt und stieg vom Göppel, ging zu dem Raben hin, versuchte, ihn zu fangen. Erfolglos. Also gab ich nach einer Weile auf, setzte mich erschöpft ins Gras – und er hüpfte von alleine heran, immer näher und dann auf den Henkel des Einkaufkorbs. Ich hievte den Korb mit dem Raben vorsichtig auf den Gepäckträger, das Tier liess es geschehen. So fuhren wir dann durchs Dorf und heim, wo ich ihn aufpäppelte. Ich gab dem Raben einen Namen: Hansi. Als er wieder gesund war, flog er nicht weg. Er blieb stets in der Nähe unseres Hofes. Ging ich morgens zur Schule, begleitete er mich. Schrillte die Glocke am Ende des Tages, sass er auf dem Baum vor dem Schulhaus. Er war Zeuge von all den Dingen, die geschahen. Es war, als wachte er über mich. Warf ich ihm einen Apfel hin, kam er heran, pickte mit seinem grossen Schnabel Stücke aus der Frucht, blickte mich an mit seinen schwarzen Augen und machte «kra».
Irgendwann war Hansi verschwunden. Ich weiss nicht, weshalb und wohin. Er war einfach nicht mehr da, verschwunden wie eine Erinnerung.
Es gibt Geschichten, die klingen zu gut. So, als hätte man sie sich ausgedacht. Und doch sind sie wahr. Gut, wenn man jemanden aus der Vergangenheit trifft, der es einst mit eigenen Augen gesehen hat. Als ich wieder ins Auto stieg, blickte ich noch einmal zur Schulhaustreppe, sah die Stufen im Licht der Laterne. Es kam mir vor, als wäre dies die Treppe, die zu all den Geschichten meiner Kindheit führt. All die Geschichten, die mir wieder in den Sinn kamen, Stück für Stück, und all jene, die ich für immer vergessen hatte, weshalb auch immer.