• April 2023

HÄTTE ICH BLOSS DIESE UHR GEKAUFT

Spätestens als ich mit einer Uhrenzeitschrift unter dem Arm vom Kiosk zurückkam, bemerkte meine Frau, dass etwas mit mir nicht stimmte.

Das war vor gut zehn Jahren, als Kioske mit Zeitschriften noch reich bestückt waren und in mir die fixe Idee gedieh, eine bestimmte teure Armbanduhr besitzen zu müssen. Ich war damals gerade in den Schatten der durchschnittlichen Lebensmitte eingetreten – und bald besessen von dieser Uhr, laberte mein Umfeld damit voll, erzählte von der Grossartigkeit dieses exklusiven Zeitmessinstruments, pries dessen Schönheit und fing an, Geld dafür zu sparen. Meine Freunde reagierten meist höflich reserviert. Für viele war ein solches Statussymbol bloss ein tragbares Bekenntnis für das willige Funktionieren im System.

Ich liess mich davon nicht irritieren, in meinem Hirn tickte diese Uhr, und ich gaffte auf Sonntagsspaziergängen in Schaufenster, selbst wenn die Auslagen dort wegen allfälligen Rammbockräubern ausserhalb der Öffnungszeiten leer geräumt waren. Auch ohne dinghafte Präsenz war ihre Aura spürbar, so schien mir. Mehrmals ging ich in Mittagspausen in Geschäfte und probierte die Uhr an, die schwer an meinem Handgelenk hing, fragte den Verkäufer nach dem Preis, obwohl ich ihn kannte, wiederholte murmelnd die von ihm genannte Zahl und nickte nachdenklich, das kleine Preisschild befingernd, welches an einem dünnen Faden am Armband baumelte.

Das Geld zu sparen wurde zum Sport. Warum die Frau in ein schickes Restaurant ausführen, wenn es noch Reste von vorgestern im Kühlschrank hatte? Weshalb in ein Hotel in Paris, wenn es in Bellinzona eine Jugendherberge gibt?

Es dauerte eine Weile, doch kaum war das Zahlenziel endlich erreicht, wurde ich grüblerisch.

Brauchte ich diese Uhr wirklich? Ein Waldspaziergang stimmte mich vollends sentimental, das haben diese verdammten Bäume echt drauf: alles zu relativieren. Denn auch sie messen die Zeit mit ihren Ringen, aber im richtig grossen Stil, immer bloss Jahr um Jahr.

Tags darauf ging ich statt in den Uhrenladen zu meinem Chef ins Büro und bat ihn um drei Monate unbezahlten Urlaub. So lange würde das angesparte Geld reichen. Statt einer Uhr kaufte ich mir Zeit! Dieser Entscheid kam mir nobel vor wie ein Geschmeide und wurde fortan als Anekdote Bestandteil meiner Small-Talk-Schatulle; gerne zeigte ich mein blankes Handgelenk, wenn ich sie erzählte.

Ich kam mir damals sehr klug vor – doch ich war einfach nur dumm. Denn aus heutiger Sicht war der Entscheid, die Uhr nicht zu kaufen, töricht. Was hatten meine Kinder davon, dass ich damals drei Monate zu Hause rumhing, allen auf die Nerven ging und meine Frau froh war, wenn ich endlich mit dem Rennvelo hinter einem Berg verschwunden war? Zudem brachte ich die Kinder um das ihnen zustehende Spektakel, sich dereinst erbrechtlich um diese eine Uhr zu zanken. Das spezifische Modell hat in den letzten zehn Jahren rasant an Wert zugelegt. Solche Anstiege verzeichneten sonst bloss die Aktien von Biotechnologieunternehmen mit Vakzinen auf der Menükarte sowie Rüstungsbetriebe.

Hätte ich die Uhr damals erstanden und würde sie heute verhökern, ich könnte vom Erlös ein ganzes Jahr auf der faulen Haut liegen!

Aber so ist der Mensch: im Nachhinein klüger. Zwischen gescheit und dumm liegen oft nur Jahre, Monate, Wochen, Tage oder Stunden – und manchmal auch bloss Sekunden. Auch davon erzählt die Zeit gerne und oft.