GUTE NACHT
«Schreib doch was über den Film», meinte mein Sohn, als wir das Kino verliessen, «dann kannst du das Eintrittsbillett von den Steuern abziehen.» Manchmal haben Kinder brillante Ideen. Doch leider wüsste ich nicht, wie ich seriös über den Film schreiben könnte, denn es fehlt mir ein schöner Teil der Handlung. «Ich bin nach der Pause eingeschlafen», sagte ich. «Ja, ich habe es gehört», sagte mein Sohn, «ich denke, alle im Kino haben es gehört.» – «Im Kino zu schlafen heisst, dem Film zu vertrauen. Das hat mal ein kluger Kopf geschrieben. Aber sag: Wer hat am Ende gewonnen?»
Dass ich des Schlafes wegen unmöglich über den «Spider-Man»-Film schreiben und folglich den Eintrittspreis nicht von der Steuer absetzen kann, ist buchhalterisch zwar schade, hat aber auch den Vorteil, dass ich mir darüber nicht weiter den Kopf zerbrechen muss.
Auch das Theater-Abo, welches ich mir unlängst zugelegt habe, werde ich nicht von der Steuer abziehen können, auch wenn so ein Abo monetär weitaus gravierender zu Buche schlägt als ein Kinoticket. Denn ich habe nicht vor, über Theater zu schreiben. Dafür bin ich ihm zu lange ferngeblieben. Früher, vor zwanzig Jahren, ging ich oft hin, auch beruflich, doch dann kühlte diese Beziehung ab, das Theater war mir verleidet, ich denke, wir lebten uns einfach auseinander.
Bis ich das Stück «Vögel» des Schauspiel Köln als Gastspiel sah und Erinnerungen an so etwas wie magische Momente aufglommen. Ich dachte dann, dass ich es aufs Alter vielleicht noch einmal mit der alten Liebe versuchen könnte. Also erstand ich mit an Euphorie grenzender Vorfreude ein Abonnement. Endlich wieder Theater! Doch die Ernüchterung folgte auf dem Fuss, die Vorstellungen verliefen nicht eben nach meinen Vorstellungen. Beim ersten Stück (ein Vierstünder) verdünnisierte ich mich in der Pause in eine nahe Bar, da ich dachte, dass nach einer so langen Theaterabstinenz mehr als eine halbe Portion ungesund sein könnte. Ich wollte ja nicht gleich zu Beginn overdosen. Beim zweiten Stück (ein Dreistünder) gab es leider keine Pause, in der man hätte verschwinden können, ein Abgang wäre nur über die Bühne möglich gewesen. Soviel Theatersaal-Courage hatte ich noch nicht entwickelt, also blieb ich bis zum Ende, auch wenn ich die letzten neunzig Minuten mit geschlossenen Augen dasass und mich nach Schlaf sehnte, der mich leider nicht ereilen wollte (die Sache mit dem Schlaf und dem Vertrauen scheint wohl tatsächlich zu stimmen, auch beim Theater). Und das dritte Stück war gar kein Stück, sondern ein aufwendig produzierter Stummfilm mit Live-Orchestermusik. Vor mir sass ein Kritiker. Er hatte einen grünen und einen roten Stift. Sicherlich, so reimte ich mir zusammen, notierte er alles Positive mit dem grünen, alles Negative mit dem roten Stift. Clever! Doch ich hätte an jenem Abend bloss den roten Stift gebraucht. Denn was gezeigt wurde, war ein mit Wokeness gratinierter Pathos-Auflauf, den ich schwer verdaulich fand. Aber dies ist bloss meine private Meinung. Ich bin glücklicherweise nicht der Kritiker mit dem roten und dem grünen Stift, sondern nur ein Besucher, der zwar das Abo nicht als berufliche Auslage von der Steuer absetzen kann, sich dafür aber als Amateur das Maul zerreissen darf.
Vielleicht ist wirklich gutes Theater mit Verzauberungskraft ein bisschen wie ein weisser Wal, wie «Moby Dick». Man sieht ihn kaum je, aber doch weiss man, dass es ihn gibt. Oder hofft es zumindest.