GROSI AN BORD
Die Nacht und ihre Geräusche: von um die Kurve kreischenden Trams; von Kirchenglocken, die die Geisterstunde schlagen; von grölenden Besoffenen auf dem Weg nach Hause oder in die vielleicht finale Kaschemme; von kläffenden Hunden; von wegen Liebesleid lauthals Streitenden. Motorrädern, die per Kickstarter zum Knatterleben erweckt werden; Autos, die mit heruntergelassenen Scheiben und aufgedrehten Anlagen die Strasse entlangrollen; daherjagenden Ambulanzen. Sie ist voller Lärm, die Nacht in der Stadt – vor allem, wenn man nach drei Wochen Ferien in den Bergen zurückkehrt, wo man beim Einschlafen nichts hörte als einen fernen Bach und das leise Rauschen der Stille in den eigenen Ohren, ab und an vielleicht einen Donnerschlag, ein Blitzgekrache oder ein feinperliges Perkussionskonzert des Regens auf dem Ziegeldach. Und manchmal das eigene Schnarchen.
Wenn ich nicht einschlafen kann, greife ich zum besten Schlafmittel, welches ich kenne: dem Buch. Die Sätze und Worte darin bündeln die Gedanken, lassen einen zur Ruhe kommen. Bücher besänftigen den Geist. Sie sind diesbezüglich Wundermittel und sollten von Krankenkassen gratis abgegeben werden! Zurzeit liegt auf dem Nachttisch das wohl offenste und ehrlichste Buch, welches ich je gelesen habe: «Yoga» von Emmanuel Carrère, eine schonungslose Selbstbetrachtung des französischen Autors. Und dort, auf Seite 72, geht es um Einschlafrituale. Der Vater des Autors etwa ging dafür gedanklich zurück in die Wohnung, in der er einst gelebt hatte und die in seiner Erinnerung noch immer existierte, und zwar in jedem Detail, bis hin zum Inhalt der Kommodenschubladen. In dieser Erinnerungswohnung geisterte er herum, bis er in der Sicherheit der Vergangenheit seinen Schlaf fand. Emmanuel Carrère selbst hat ein nicht sonderlich originelles, für ihn jedoch effektives Ritual, um zur Einschlafruhe zu kommen: Er versucht, sich so genau wie möglich den Tag in Erinnerung zu rufen, der eben vergangen ist. Carrère beginnt am Morgen, mit dem Aufstehen, mit der Zubereitung des Frühstücks, wandert dann in Gedanken durch den Tag, erinnert sich an das Erlebte, bis er idealerweise zu jenem Punkt gelangt, an dem er müde im Bett liegt und einschläft…und dann einschläft. Diese Übung ist mir nicht fremd, aber ich habe ein anderes Ritual, welches ich höher schätze. Ich stelle mir das Meer vor. Und ein U-Boot. Ich mache mir Gedanken über die Form und die Grösse des U-Boots, in welchem ich liege. Manchmal ist es mächtig. Manchmal klein. Manchmal mit spartanischem Innenleben. Manchmal luxuriös. Dann beginnt die Tauchfahrt. Ich fahre durch das Meer und sinke hinab in die Dunkelheit, stelle mir vor, wie ich im Schutz des Tauchbootes in dieser schieren Unendlichkeit verschwinde – bis die Schwere des Schlafes mich packt und hinabzieht wie ein unsichtbarer Krake mit unentrinnbaren Tentakeln.
Nun, wenigstens war diese Fantasie für mich ein probates Einschlafwerkzeug bis vor ein paar Wochen, genauer bis zum 18. Juni, jenem Zeitpunkt, an dem das private Tauchboot Titan bei einer Exkursion zum Wrack der Titanic barst, mitsamt den Insassen innert keiner Zeit implodierte. Seither kann ich von dem U-Boot-Gedankenspiel nicht mehr Gebrauch machen, ohne direkten Kurs auf Alpträume zu nehmen; und dem wird wohl noch eine Weile so bleiben. Doch zum Glück gibt es ja das Buch: das beste Hypnotikum überhaupt. Man muss bloss auf eines achten: dass es einem nicht auf die Nase fällt, wenn die Augendeckel zuklappen. Ansonsten aber sind Bücher ganz und gar ohne Nebenwirkungen.