• September 2022

GENERATION GENERATOR

Die vier Männer sassen am Nebentisch in einem Restaurant mit etwas dicker Luft, was dem Umstand geschuldet war, dass ein Fleischgericht namens Charbonnade angeboten wird, bei dem man Rindshüftschnitzelchen auf kleinen Holzkohletischgrills selber am Tisch brutzeln kann, à discrétion für 58 Franken. Ich war mit einem Freund dort, der einen kennt, der einst dreiundzwanzig von diesen Plätzli an einem Abend schaffte – diese dann aber nicht lange bei sich behalten konnte.

Nun, die vier Männer am Nebentisch waren in eine eifrige Diskussion vertieft, während sie Rotwein tranken und das rohe Fleisch auf den kleinen Grill legten. Ich dachte erst, es gehe um italienische Nobelsportwagen, was mich nicht weiter verwundert hätte, denn das Lokal mit seinem fleischlastigen Angebot wirkte ebenfalls ein bisschen aus der Zeit gefallen. Doch ich hatte mich verhört. Der eine schwärmte nicht von «Lamborghini», sondern von «Lombardini», einem in der norditalienischen Provinzhauptstadt Reggio nell’Emilia beheimateten Hersteller von Verbrennungsmotoren, welche vor allem im landwirtschaftlichen Bereich zum Einsatz kommen sowie bei Baumaschinen und Gabelstaplern. Der Mann sagte, der Lombardini sei ein «Langsamläufer», deshalb äusserst geräuscharm, zudem «wassergekühlt» und mit «High-Power-Leistung», kurzum: «Ein Traum!» Worauf die anderen Männer am Tisch anerkennend nickten. «Allerdings», fügte er hinzu, «derzeit acht Monate Lieferfrist!» Worauf einer auflachte, während er die Gabel mit dem Fleisch durch einen erklecklichen Klacks Currysauce zog: Dann sei der Winter ja längst vorbei!

Auch der Sinn des Gesprächs am Nebentisch hatte für mich eine Lieferfrist, doch langsam begriff ich: Dieser Motor war das Herzstück eines Stromgenerators. Darüber sprachen die Männer! Über Generatoren, welche sie sich angeschafft hatten oder anzuschaffen beabsichtigten, damit sie trotz etwaiger Versorgungslücken oder drohenden Blackouts auch in der anstehenden kalten Jahreszeit allzeit bereit wären und den Stromfluss in ihren Einfamilienhäusern lückenlos aufrechterhalten können, damit der TV läuft, die Handys laden und die Tiefkühltruhe nicht abtaut wie die Polkappen. Stromgeneratoren sind scheinbar die neuen Männerspielzeuge. Früher prahlte man mit dicken Uhren oder fetten Autos, heute mit Generatoren. Der eine sagte: «Ich hab mir den Pramac P6000-E zugelegt. 5,5 Kilowatt Spitzenleistung! 13 Stunden Laufzeit mit einer Tankfüllung! Der nimmt nicht mehr als anderthalb Liter pro Stunde.» Worauf sein Kollege lachte und meinte, während er ihm Wein nachgoss: «Der säuft jedenfalls weniger als du!»

Je länger ich den Typen und ihrem sie scheinbar erfüllenden und glücklich machenden Gesprächsthema zuhörte, desto grösser wurde auch mein Wunsch, mir einen Generator anzuschaffen. Doch leider wohne ich nicht in einem Einfamilienhaus, in dem man schalten und walten kann wie es einem beliebt, sondern in einem Mietshaus. Da wäre das Brummen eines Generators auf dem Balkon eventuell etwas lästig für die Nachbarn, so laufruhig der auch sein mochte. Doch mir kam eine Idee: Warum nicht eine Dampfmaschine, wie man sie als Kind gehabt hatte, mit Schwungrad und Zentrifugalregulator, heissem Kessel und reizvoll rauchendem Kamin? Eine Notstromdampfmaschine im Retrolook wäre sicherlich das coolste Ding überhaupt. Wenn das Schwungrad rotiert und der geschmierte Kolben stösst und zieht, die Maschine emsig schnaubt und zischt! Da können dann die Rindshuft-Nebentisch-Griller mit ihren öden Dieselgeneratoren abstinken!