FUSSBALLWINTERSCHLAF
Ein Freund, nennen wir ihn mal Manu, ist arg abergläubisch. Und er ist Tennisfan. Eine fatale Kombination. Als Roger Federer noch spielte und nicht hauptberuflich auf der grosszügigen Terrasse seines Zweitwohnsitzes hockte – einem aparten Apartment in einem Hochhauskomplex namens Le Rêve – und die Quattro-Stagioni-Sonne von Dubai genoss («Es geht nicht um Geld oder Luxus, wir fühlen uns sehr wohl hier!», sagte er einst einer Illustrierten), war Manu ein grosser Fan des Bebbi-Ballzauberers.
Doch der Aberglaube schmälerte den Genuss. Er war nämlich der festen Überzeugung, dass Federer verliere, wenn er sich sein Spiel am TV ansehe. FedEx könne nur gewinnen, wenn er ihm bei der Arbeit nicht zusah. Deshalb stand Manu im Flur, als er zu Gast war, just dann, als Roger ein Finale in Wimbledon spielte. Wir anderen hockten in der Stube vor der Kiste und sahen Federer dabei zu, wie er brillierte – und hörten Manu, der immer wieder aus dem Flur rief: «Wie stehts?» Wir fütterten ihn tüchtig mit Falschinformationen, und dann und wann steckte er irritiert seinen Kopf ins Zimmer, mit geschlossenen Augen, um ein bisschen Live-TV-Atmosphäre zu schnuppern. Am Ende gewann Federer, heulte, küsste den Pokal. Manu sah sich bestätigt. Hätte er mitgeschaut, wäre es anders gekommen.
Ich hoffe nicht, dass es mir dieses Jahr ähnlich ergehen wird, bei einer anderen Sportart: dass ich vor WM-Bars herumlungere, in der Kälte bibbernd. Nicht aus Aberglauben, sondern aus moralischen Gründen: Ich habe mir nämlich vorgenommen, die Fussball-WM nicht zu schauen, kein einziges Spiel, nicht mal eine halbe Halbzeit. Es gibt viele Gründe, weshalb man sich die Fussball-WM in Katar nicht antun sollte, sie sind hinlänglich bekannt: Menschenrechtsverletzungen, Korruption im Vorfeld, ökologischer Irrsinn, absehbare Grottenkicks, dass Italien nicht dabei ist. Ich weiss zwar, dass die Magie von Fussball zu grossen Teilen aus Fehlern, Widersprüchen und Ungerechtigkeit besteht, all diese Zutaten erzeugen die vielbeschworenen Emotionen, doch im Falle dieser WM sind es doch ein paar Dinge zu viel, die zusammenkommen.
Ein Organisator eines Public-Viewing-Events in Winterthur meinte in der Zeitung, er sehe einen Boykott nicht als wirkungsvolles Mittel, um den Weltfussballverband Fifa zum Umdenken zu bewegen. Ob in der Winti-Arena Fussballspiele gezeigt würden oder nicht, habe keinen Einfluss auf die Menschenrechtssituation in Katar. Dieser Mann ist ohne Fantasie und Glaube – und hat wohl noch nie vom Schmetterlingseffekt gehört!
Andererseits ist die selbstgefällige Gleichgültigkeit nicht überraschend, denn in gewissen Belangen sind gewisse Fussballfans hierzulande ja schon lange mit dem katarischen Staat d’accord, etwa was den freudwilligen Einsatz von Gewalt gegen Andersdenkende angeht oder Homophobie und Antisemitismus (Katar ist ja quasi Leibchensponsor der Hamas).
Wer die WM schauen will, die oder der soll das ruhig tun, ich aber muss in den Fussballwinterschlaf gehen; und um nicht schwach zu werden, etwa mit geschlossenen Augen «zufällig» in eine Fussball-WM-Bar reinzumarschieren, habe ich ein einfaches Mittel. Ich trage ein Panini-Bild von Fifa-Boss Gianni Infantino in meiner Brieftasche (ein passender Ort, auch wenn sie nicht besonders prall ist). Sollte ich also ein aufkeimendes Gefühl von Willensschwäche spüren, lange ich in den Hosensack, hole das Portemonnaie hervor und werfe einen Blick auf das Bildchen. Und sofort werde ich wieder wissen, weshalb ich Fussball liebe – und warum nicht.