FRÜHLING FÄLLT AUS
Bedrucktes Papier hat viele Vorteile. Geschwindigkeit gehört nicht dazu. Vor einer Woche ging es in dieser Kolumne um Probleme. Es waren Dinge des Alltags: Corona-Infektion, die Langeweile der dazugehörigen Isolation, wie man die Zeit totschlägt, die elend langen Curling-Partien an den Olympischen Spielen; und es ging auch um einen Oligarchen, dessen grösstes Problem ein zu grosser Privatjet ist. Am letzten Samstag war der Krieg in der Ukraine schon über eine Woche alt, in der Kolumne aber fand er nicht statt, denn der Text stammte aus einer anderen, unschuldigeren Zeit. Ich wusste schon vor diesem alles verändernden 24. Februar, dass vieles mit der Welt nicht stimmt und dass Dinge geschehen können, die unbegreiflich sind. Putins Terror allerdings hat eine Irrsinnsdimension, die alles erschüttert.
Ich habe ehrlich gesagt Mühe, etwas zu schreiben, jetzt in diesem Moment, denn ich habe Mühe, etwas zu denken, was nicht mit diesem Krieg zu tun hat. Immerzu schaue ich auf mein Handy, ob es Neuigkeiten gibt, obwohl ich weiss, dass dies nichts ändert. Doch was kann man tun, ausser Geld und Kleider zu spenden, an Kundgebungen zu gehen und sich solidarisch zu zeigen? Ich bin kein religiöser Mensch, aber es gibt Momente, in denen ich dies bereue, denn für Krisen haben die Religionen Werkzeuge entwickelt, dies war ja immer schon auch deren Kerngeschäft.
Ein Ersatz sind Bücher. Ich weiss: Es ist nicht möglich, in Büchern Antworten zu finden auf Fragen, die sich nicht beantworten lassen. Aber vielleicht gibt es darin so etwas wie Trost. Im schlechtesten Fall Ablenkung – wenigstens für einen Moment. «Serge» von Yasmina Reza erzählt von einem Familienausflug nach Auschwitz, eine groteske Geschichte, traurig und lustig zugleich, auch wenn ich sagen muss, dass gegen Ende des nicht zu dicken Buches irgendwo der Esprit auf der Strecke bleibt, trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der hochtourigen Dialoge. Auf Seite 197 fand ich eine Stelle, die ich markierte. «Wenn der Sommer wiederkehrt, kehrt die Zeit wieder. Die Natur lacht einem ins Gesicht. Der Geist der Glückseligkeit kratzt an der Seele.» Ich markierte die Stelle, da sie mir sonderbar vorkam. Schreibt man so nicht über den Frühling anstatt den Sommer? Es ist, als hätte Reza den Frühling übersprungen, ganz so, als fände er heuer nicht statt, als müssten wir mit den entsprechenden Gefühlen drei Monate länger warten.
Heute ist der 2. März. Ein Mittwoch. Vorgestern war ich an einer Kundgebung. Es kamen über 10’000 Leute, schreibt die Zeitung. In den Nachrichten wird von einem 64 Kilometer langen russischen Militärkonvoi berichtet, der auf Kyjiw zurollt, es gebe Satellitenbilder davon. Draussen zwitschern die Vögel, ich weiss nicht, welche es sind, obwohl ich mir immer vorgenommen hatte, mehr über Vogelstimmen zu erfahren. In der Nacht fiel das Thermometer unter die Nullgradgrenze, tagsüber soll es acht Grad geben. Im Ofen backt ein Brot. Der Himmel ist blau an diesem Tag, zart und blass, und die Sonne darin gelb.
Nachdem ich diesen Text beendet habe, wird sich die Erde zehnmal um die eigene Achse gedreht haben, bis Sie ihn lesen können. Sehr wahrscheinlich ist jetzt Samstagvormittag, vielleicht steigt aus einer Tasse Kaffee oder Tee auf Ihrem Küchentisch eine zarte Wolke aus Dampf, vielleicht läuft irgendwo ein Radio mit Dudelmusik. Die Welt wird heute nicht mehr die sein, die sie an diesem Dienstagmorgen gewesen war. Ich hoffe, sie wird wieder ein Stück besser geworden sein, obwohl ich zugeben muss, dass diese Hoffnung nicht grösser ist als ein Keim – aber auch nicht kleiner.