FLUGSCHAM*PAGNER
Die Zeit nach Mitternacht, in der Küche, nach einem Essen für Freunde, alle sind gegangen, nach Hause oder zu Bett, man ist alleine mit den dreckigen Tellern und der Unordnung, die man selber angerichtet hat, den leeren Flaschen, den Gläsern. Dann stellt man das Radio an, bindet sich die Schürze um, krempelt die Ärmel hoch und macht sich an die Arbeit, bringt die Küche zurück in den Blitzsauberzustand von zuvor. Man ist alleine mit den Überbleibseln des gelungenen Abends und der Musik. Ich liebe diese Momente.
So auch gestern. Es lief «Campari Soda» in der Version von Stephan Eicher. Sicherlich eines der zehn besten Lieder, welche je in unserem Land geschrieben wurden. Und eines, welches mich erinnern liess, während ich Teller spülte und Chromstahl wienerte, wehmütig: das Fliegen in die Ferne. Der Blick durch das Fenster, das nicht rund war und nicht eckig, aber immer klein. Die Sonne, der man ein gutes Stück näher war und welche die Flügelspitzen gleissen liess. Weit unter einem die Erde und der Alltag, den man hinter sich liess, wenn auch nur für eine Weile. Ein früher Morgenflug, beispielsweise nach Venedig. Nahe über die weissen Gipfel der Alpen. Werweissen, wie ein See hiess, so klein da unten, in der Sonne glitzernd, ein Fluss, schmal und dünn wie ein schimmernder Bleistiftstrich. Oder ein Langstreckenflug über eine gänzlich unbekannte öde Wüste oder das endlose Meer, auf dem man ein Gefühl bekam für die schiere Grösse der Welt.
Wann flog ich das letzte Mal? Vor zehn Jahren? Gut, vor ein paar Monaten nahm ich mal einen Flieger von Hamburg heim, aber nur, weil der Zug nicht fuhr, da kaputt, zudem beruflich, das zählt nicht. Und zuvor? Zum Vergnügen flog ich das letzte Mal vor einer gefühlten Ewigkeit. Das sag ich immer, wenn im privaten Rahmen Diskussionen zum Thema Klimakrise losgehen. «Ich bin seit Jahren nicht geflogen! Seit Jahren!» Damit bin ich umweltmoralisch auf der guten Seite. Deshalb sag ich es gerne und laut. Aber unter uns: Ich vermisse es.
Ich empfand das Fliegen immer auch als einen Zustand der Entrücktheit. Nun ja, nicht immer, das Fliegen hatte durchaus auch seine unschönen Viehtransportmomente, aber in der zur Verklärung neigenden Erinnerung überwiegen die luziden Momente. Früher, mit der Crossair, die blauen Ledersitze der Saab-2000-Turboprop-Maschinen, das obligate Glas Champagner für alle aller Klassen (Demokratie!), die Landung auf dem Flughafen Tempelhof, kurze Zeit später schaute man schon aus dem Zimmer 2310 des Forum-Hotels am Alex auf den nahen Fernsehturm. Aber eben: Die Zeiten haben sich geändert. Saab baut nur noch Kampfflugzeuge. Das Forum-Hotel heisst Park Inn by Radisson. Und das Fliegen ist böse. Der fein perlende Willkommenstrunk von früher ist heute Flugscham*pagner.
Sogar die Erinnerung ans Fliegen ist getrübt. Damals, mit der Concorde von JFK nach CDG? Eine Dreckspur, die sich bis in die Gegenwart zieht, unverzeihlich. Und trotzdem: Die Krümmung der Erde zu sehen, die Ahnung der Dunkelheit des Weltraums, doppelte Schallgeschwindigkeit, Besteck von Christofle… vorbei. Die unbeschwerten Zeiten des Flugzeugreisens kommen nicht mehr wieder. Was hingegen bleibt: Die simple und reine Schönheit eines Songs, gehört am Beispiel «Campari Soda», und das Gefühl der Freiheit in einer vollgestellten, dreckigen Küche, um die man sich kümmert, irgendwann nach Mitternacht, bis alles wieder glänzt und strahlt wie ein Flugzeug in der Sonne, damals, vor zwanzig Jahren oder so.