Ferien auf dem Bauernhof
Ferien gab es nicht. Es gab Arbeit. Ich wuchs auf einem Bauernhof auf, fern von so etwas wie Stadt. Im Baselbiet. Ein Landstrich, der bekannt ist für seine Kirschbäume. Und auf diese Kirschbäume ging es dann, wenn die Sommerferien anbrachen. Leitern wurden gestellt und erklommen. Wie die Affen kletterten wir behände ins Geäst. Die Früchte wollten geerntet werden. Ab in den Kratten mit den prallen Dingern, der bald schwer am Riemen hing und einen zum Erdmittelpunkt hinabzog. Fallobst musste aus dem Gras geklaubt werden. Wespen schwirrten, labten sich am süssen, roten Saft, der an unseren Händen klebte, als hätten wir ein Schwein geschlachtet.
Und es wurde geheut, es wurde geemdet, gemäht, gewendet, eingefahren. Die Sonne brannte herab. Wenn ich an den Sommer der Kindheit denke, denke ich an Schweiss. Ich denke an mit Heustaub verstopfte Nasenlöcher. Eutra-Melkfett als Sonnenschutz. Aber ich war froh, nicht ins Freibad gehen zu können, denn dort waren die Typen mit vom Steinheben gestählten Körpern, die vom Fünfmeterbrett hechteten und Blicke tauschten mit Mädchen, die mir gefährlich erschienen. Ich war unsportlich und dick und trug eine Brille mit einem Gestell, das krumm war, weil mich einer vor Ferienanfang auf dem Heimweg abgepasst hatte. Wenn ich mal in die Badi ging, sonntags, dann hockte ich im Schatten und kratzte mir vor Langeweile den Schorf von den zerstochenen Beinen, schob mir eine Handvoll Cola-Frösche ins Maul und schaute, dass mir keiner das Münz klaute, mit dem ich mir mehr Cola-Frösche kaufen wollte.
Doch kein heisser Sommer ohne Liebesaffäre. Meine hiess Mähdrescher. Diese gewaltige Maschine: ein vor schierer Kraft bebender, zitternder Riese auf Rädern. Wenn er kam, um die Felder zu fressen, sich das Korn einzuverleiben und Stroh zu scheissen, war ich wie elektrisiert. Und wenn ich mitfahren durfte, die Leiter zum Führerstand erklomm, war ich euphorisiert. Der Mähdrescher war wie eine in der Hitze des Sommers flirrende Marienerscheinung. Und kaum hatte er seine Arbeit getan, zog er auch schon weiter, dieser treulose Halunke, seinen breiten Balken längs auf einem Anhänger hinter sich herziehend, um andere Felder anderer Bauern an anderen Orten zu dreschen. Ich war in den Mähdrescher verknallt. Schade, ist nichts aus uns geworden. Am allermeisten aber liebte ich Gewitter. Wenn der Himmel sich verdunkelte. Das ferne Grollen, der Blitz, der Donner und die Sekunden dazwischen (je weniger man zählen konnte, desto besser). Die dicken Tropfen, die erst zaghaft fielen, dann heftiger, dann hemmungslos. Dann wurden die Arbeiten auf dem Feld eingestellt, wenigstens für einen Moment. Wenn es auf den Leitern in den Bäumen zu gefährlich wurde. Ich verkroch mich in den Kofferraum unseres Kombis. Das Geräusch von Regen, der auf das heisse Blechdach unseres Toyotas trommelte, während ich in Sicherheit Comics las, das ist noch immer die schönste Musik, die ich je gehört habe. Und ich lernte den Moment zu geniessen, denn ich wusste, dass solche Gewitter von kurzer Dauer waren. Schnell zogen sie vorüber. Dann brach schon wieder die Sonne durch. Die Arbeit ging weiter.
Andere reisten in die Ferne: Schulkameraden fuhren auf ihren frisierten Zweigangtöfflis über den Gotthard ins Tessin auf einen Zeltplatz. Das Ziegelhof-Bier sandten sie postlagernd in weiser Voraussicht voraus, kistenweise, denn wer wusste schon, was es dort im Tessin für eine Pfütze gab. Damals war die Welt noch nicht globalisiert. Sie war kleinteilig. Doch auch vor Ort hatten die Orte klangvolle Namen. «Wo pflücken wir heute Kirschen? Im Galgen?» – «Im Säusack!» – «Alles klar!» Denn auf dem Land hat jeder Fleck präzis seinen Namen. Damit man weiss, wo was ist. Oberhalb Säusack ist die Höli, und wenn man danach bei der Brämestelli auf der steilen Strasse aus dem dunklen Wald herauskommt, aufs offen daliegende Breitfeld mit seinen Getreideäckern, dem Modellflugplatz und der Springreiteranlage, ist die Zluck. Wenn wir dort oben arbeiteten, war es zu weit, um zum Mittagessen heim zu fahren. Dann kam die Mutter mit dem Toyota und brachte das Essen aufs Feld. Man hockte sich unter einen alten Baum in den Schatten. Kühles Citro. Pepita. Dick mit Butter bestrichene Schinkenbrote. Eine Schachtel Milanowäffeli zum Dessert, die schnell gegessen werden wollten, bevor die Sonne sie wegschmolz, für die Grossen Most, eine Kiste Bier, Kaffee in Thermoskannen, die fauchten und spien, wenn sie leer wurden, im Himmel kreisende Raubvögel.
Wenn ich heute Kirschen sehe, auf dem Markt, im Laden, dann kaufe ich eine Schale. Ich esse sie nicht, meine Kinder aber schon. Sie lieben Kirschen. Und während sie die Steine ausspucken, so weit es geht, denke ich an die Sommerferien, die Schweiss waren, aber auch wunderbar.