• Januar 2022

FALSCHE FEHLER

Wer ist nicht gerne dann und wann ein Klugscheisser oder eine Besserwisserin? Vor allem, wenn man gerade einen von der Kritik so elfenbeinturmhochgelobten Roman wie «Eurotrash» von Christian Kracht liest. Und so lupfte ich auf Seite 68 die Augenbrauen, als der Ich-Erzähler den Kühlschrank seiner Mutter inspiziert, in der nur «Käsescheibletten» liegen, zudem schimmliges Brot, ein halbleeres Glas Kapern (das auch halbvoll sein könnte) und «sieben Flaschen Schweizer Weisswein von der Migros.» Genauer handelt es sich beim Weisswein als Inbegriff der Abscheulichkeit um einen Fendant mit Schraubverschluss, 7.50 Franken die Flasche.

Ich dachte, was wohl jede und jeder auf Seite 68 denken würde. Das ist teuer! Im Coop gibts die Flasche Fendant für 5.70. Im Denner für 5.50. Bei Aldi für einen Preis, der erst ab einer Kartonbestellung seine wahre Schönheit entfalten kann: 5.69. Ausländischer Fusel ist noch billiger zu haben! Kracht hat mit 7.50 Franken seine Vorstellung für önologischen Bodensatz recht hochpreisig angesetzt. Ich holte einen Filzer und markierte die Stelle, bestimmt mit dem selbstgerechten Gesichtsausdruck von einem, der etwas besser zu wissen meint. Zudem: Weisswein aus der Migros!

Doch dann beschlich mich das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein, denn ein solch plumper Fehler kann niemandem unterlaufen. Er musste vorsätzlich eingebaut worden sein. Denn irren ist menschlich, vor allem wenn es um so etwas Lückenhaftes wie Erinnerung geht – so muss auch eine Erzählstimme in einem Buch Blödsinn verzapfen, um glaubhafter und menschlicher zu erscheinen. So kam wohl der Weisswein aus der Migros zustande.

Es gab einen anderen Fehler, den ich in einem Buch entdeckte, ein paar Jahre zuvor, einem Buch, welches noch viel trauriger ist als «Eurotrash», nämlich «Serotonin» von Michel Houellebecq. Dort trifft die Hauptfigur einen alten Freund. Zusammen hören sie Musik, ein Album von Pink Floyd, «Ummagumma» heisst es. Der Ich-Erzähler berichtet, wie passend diese Platte sei, denn sein Freund war Landwirt – und auf dem Cover der Schallplatte sei eine Kuh abgebildet. Mir war klar, dass Houellebecq wusste, dass es sich bei besagter Pink-Floyd-Platte mit der Kuh auf dem Cover um ein anderes Album handelt. Und genau deshalb hat er wohl diesen Fehler eingebaut: um Menschen zu ärgern, die sich mit Pink Floyd auskennen. Normale Menschen lesen ungestört weiter, Pink-Floyd-Kenner werden sich wegen des Fehlers enervieren. Dies war wohl Houellebecqs Absicht.

Auch Kracht wird beim Schreiben geschmunzelt haben, als er sich vorstellte, dass beim Lesen auf Seite 68 jemand über den vermeintlichen Fehler stolpert, ein selbstgefälliges Gesicht aufsetzt und das Offensichtliche murmelt: «Die Migros verkauft keinen Alkohol!» Und dann auch noch einen Filzstift holt und die Passage markiert, um sie in bester Oberlehrermanier einem Freund zu zeigen, während sie zusammen die Pink-Floyd-Platte «Animals» hören, die mit der Kuh auf dem Cover.

Als ich dann vernahm, dass die Migros darüber nachdenkt, in Zukunft Alkohol zu verkaufen und es dann wohl dort auch einen Fendant mit Schraubverschluss geben wird, dachte ich: Gut so! Damit würde der krachtsche Fehler korrigiert, auch wenn er gar keiner gewesen war. Eine Frage jedoch bleibt: Weshalb sind die letzten vierzehn Seiten von «Eurotrash» nichts als unbedruckte, weisse Blätter, welche bei der Seitenzahlangabe des Verlags ungeniert mitgezählt werden? Was will uns der Autor damit sagen? Ich vermute: nichts. Sicher bloss ein Fehler.