ES WAR EINMAL: DER HANDSCHLAG
Er war beliebt. Bei Sportlern ebenso wie bei in die Kameras grinsenden Politikern, in der Businesswelt war er Usus, so wie er im privaten Rahmen zu Hause war: eine weitverbreitete und gewohnte Geste, die gegenseitiges Vertrauen demonstrierte, Respekt, die Nähe zeigte, bei der man aber dennoch auf armlanger Distanz blieb, die Kontrolle wahrte, das Gegenüber nicht aus den Augen verlor wie etwa bei einer zügellosen Umarmung. Er war ein probates Mittel, um sich zu begrüssen, sich zu verabschieden, ein Geschäft zu besiegeln – oder auch bloss eine dumme Wette mit schwerwiegenden Folgen.
Wie alt der Handschlag ist, weiss niemand. Gern wird gemutmasst, dass er schon bei den Höhlenbewohnern gebräuchlich war, denn wer die Hand gab, der konnte keinen Stein in ihr halten, um seinem Gegenüber damit den Schädel einzuschlagen. Allerdings hat der Mensch bekanntlich zwei Hände; und der Doppelhändedruck hat sich nie durchgesetzt. Klar ist bloss: «Der Händedruck ist Teil unserer Kultur.» So hat es der Präsident des Lehrerverbandes gesagt, als die Wogen hochgegangen waren, nachdem sich zwei muslimische Sekundarschüler im basellandschaftlichen Therwil geweigert hatten, ihrer Lehrerin die Hand zu reichen. Denn dies gehört eben zu unserer abendländischen Kultur, und wer das nicht einsieht, der wird nicht eingebürgert (so wie in einem Fall in Lausanne im Jahr 2018). Nun muss man in des Präsidenten Satz «ist» durch «war» ersetzen. Und bange Fragen stellen sich, wie etwa jene, welche in der «BauernZeitung» unlängst formuliert wurde: «Wie funktioniert der Kuhhandel, wenn der Handschlag nicht mehr möglich ist?»
Das Händeschütteln war eine öffentliche Sache, aber auch eine persönliche Angelegenheit. Eine jede und ein jeder von uns hat einen Handschlag im Gedächtnis, der unvergesslich bleibt. Und das ist auch der Grund, weshalb ich den Handschlag nie besonders mochte.
Ich erinnere mich genau, auch wenn es in der Zeit geschah, als Depeche Mode mit «Shake the Disease» in den Top Ten der Schweizer Radiohitparade stand: der Tag, an dem ich meine Stelle als KV-Stift bei einer Bank antrat. Zur Begrüssung gab mir der Bankdirektor die Hand, freudig lächelnd, gütig. Ich griff sie, nachdem ich die meinige schnell am Hosenbein trocken gerieben hatte, drückte zu, nicht zu fest, nicht zu schlaff (so wie ich es in einem Ratgeber gelesen hatte); doch dann sah ich eine Veränderung in den Augen meines Gegenübers, er verzog unmerklich das Gesicht. Ich blickte auf unsere verschlungenen Hände und sah Blut als feine Linie. Ich hatte mir extra die Fingernägel geputzt und geschnitten an jenem Morgen, doch leider ungeschickt: Mit dem scharfen Nagel des Daumens schlitzte ich die Haut des Direktors auf. So beginnt selten, was man eine innige Freundschaft nennen kann.
Vielleicht fusst das Misstrauen gegenüber den Händen auch im Wissen um die Zustände dieser. Es gibt Studien dazu! Eine – durchgeführt von der Manchester Metropolitan University – brachte ans Tageslicht, dass bei Männern mit Bärten in 47 Prozent der Fälle in der Gesichtsbehaarung Darmbakterien zu finden waren. Und woher kamen die Fäkalbakterien in den Bärten? Von den Händen natürlich – oder: hoffentlich von dort –, denn eine weitere Studie besagt, dass nur 61 Prozent der Männer nach dem Toilettengang die Hände waschen. Nun weiss man auch, dass gegenüber Studien immer ein gewisser Abstand einzuhalten ist, vor allem, wenn es sich um Studien handelt, welche von einer Kosmetikfirma in Auftrag gegeben wurden (so wie bei der Bartstudie). Klar aber ist: Wir machen allerlei mit unseren Händen. Und manches davon ist nicht schön.
Dank einer anderen Studie haben andere Wissenschaftler herausgefunden, dass der Handschlag noch eine weitere Dimension besitzt, eine pheromonologische: Menschen, die einander die Hände geben, riechen danach öfters und länger daran, als wenn sie sich bei einer Begegnung nicht die Hände reichten. Der Schluss: Ein Händedruck dient dazu, Geruchsstoffe auszutauschen, so an Informationen zu gelangen, was das Tier im Menschen über das Gegenüber denkt, ob es einem sympathisch ist. Nun müssen wir diese Informationen andersartig beschaffen.
Und noch etwas wird uns fehlen: die Verweigerung des Handschlags, die immer auch ein Akt der passiven Aggression war, nicht nur in der Politik («Trump verweigert Pelosi den Handschlag»), sondern auch im Sport (etwa Raymond Domenech, Trainer der französischen Fussballnationalmannschaft, der an der WM 2010 nach der schmachvollen Niederlage gegen Südafrika dem gegnerischen Trainer den Handschlag verweigerte). Was sollen die Trotzisten nun tun, da es ja nicht nur den Handschlag nicht mehr gibt, sondern auch dessen symbolträchtige Verweigerung? Ein Handkantenschlag wäre – so haben Studien ergeben – zwar zehnmal hygienischer als ein Handschlag, jedoch auch – so haben andere Studien ergeben – weitaus folgenreicher.
Andere Gesten werden den Platz des einst omnipräsenten Handschlags einnehmen: der Wuhan-Shake, der Ebola-Gruss, das gute alte Winken; vielleicht sollten wir alle wieder Hüte tragen, die wir heben können, um dem Gegenüber Respekt zu zollen, oder uns bei anderen Kulturen bedienen, welche klugerweise der Hand schon immer misstrauten.
Wir werden es sehen. Alles hat seine Zeit. Die des Handschlags ist nun abgelaufen.