• Mai 2023

ERINNERUNGEN AN KERPEN-MANHEIM

Wir kamen abends an und waren hungrig. Die Dorfschänke hatte geschlossen, aber der Rote Hahn war offen. Holzbänke mit durchgesessenen Sitzkissen, Tische mit Resopalbeschichtung, auf der Fensterbank Topfblumen. Die Speisekarte bot Wiener Schnitzel mit Pommes, Jägerschnitzel mit Pommes und Zigeunerschnitzel mit Pommes, je 14 Mark, Krautsalat inklusive. In einem Saal feierte man einen Geburtstag, laut dröhnte die Musik, ein kölscher Klassiker: «Am Eigelstein es Musik / am Eigelstein es Danz / jo do pack dat decke Rita / dem Fridolin am… Trallalalalalalala».» Das war im Herbst des Jahres 1998 gewesen. Wir waren wegen Michael Schumacher nach Kerpen-Manheim gefahren, 40 Autominuten westlich von Köln gelegen. Hier wuchs der siebenfache Formel-1-Weltmeister auf, hier drehte er auf der Kartbahn seines Vaters die ersten Runden, hier lebte er später mit seiner Frau Corinna, die ebenfalls aus der Gegend stammt, auf der Einladung zur Hochzeit stand: «Einzeln sind wir Worte, gemeinsam sind wir ein Gedicht.»

In Kerpen-Manheim lebten 1848 Einwohner, es gab ein reges Vereinsleben mit Karnevalsgesellschaften, Musikvereinen, Schäferhundeklubs. Die Brieftaubenzüchtervereine trugen Namen wie «Kehre wieder», «Auf zur Heimat» und «Champion 2000». Beim Besuch notierte ich: «Flach ist es hier, und in der Gegend sind die Strassen noch Strassen. Sie sind schnurgerade und ohne unnütze Radstreifen oder Trottoirs. Man hat das Bedürfnis, aufs Gaspedal zu treten, bis der Fuss unten ansteht.» Ideale Voraussetzungen, um Autorennfahrer zu werden. Im Ort selbst war es auch tagsüber ruhig. «Totenstill», notierte ich. Kaum ein Mensch auf der Strasse, und wenn, dann zog er einen Hund hinter sich her. Hin und wieder bewegte sich eine Gardine. Als wir eines der ortstypischen braunen Backsteinhäuser fotografierten, stürzte eine Frau aus dem Haus gegenüber. «Was haben Sie mit dem Haus da vor?», rief sie. «Wir sind wegen Michael hier», antworten wir. Ihre Miene hellte sich auf, sie winkte ihren Mann ab, der im Unterhemd gerade aus der Türe kommen wollte, um die Situation zu bereinigen. «Ja, der Michael. Ein guter Junge.» Sie erzählt von der Hochzeit mit Corinna, nach der er seine Motorjacht in Monaco benannt hatte. «Sie lebten im letzten Haus links an der Blatzheimerstrasse, gleich beim Jesuskreuz an der Kreuzung, wo es links zur Kartbahn geht, bevor er dann wegen der Steuern nach Monaco zog und schliesslich in die Schweiz.»

Heute gibt es keine Musik mehr in Kerpen-Manheim, kein Danz, kein Schnitzel mit Krautsalat. Der Rote Hahn hat längst ausgekräht und seine Rollläden geschlossen. Die Häuser: verlassen. Der Energiekonzern RWE Power kaufte den gesamten Ort, um im Tagebau an die Kohle zu kommen. Die Menschen wurden finanziell entschädigt und nach Manheim-neu umgesiedelt, hinter einem nahen Waldgebiet mit dem Namen Dickbusch. Auch eine neue Kirche mit vierzig Sitzplätzen wurde gebaut und durch Erzbischof Rainer Maria Woelki geweiht.

Nächstes Jahr sollen die Schaufelradbagger anrollen, wenn sie mit dem nahen Hambacher Forst fertig geworden sind, dessen Abbau ein bisschen länger gedauert hatte, der jahrelangen Besetzung durch Umweltaktivisten wegen.

Der Rennfahrer Michael Schumacher war eine fahrende Ikone einer Branche, welche dem fossilen Brennstoff frönte und ihn feierte. Nicht selten sagte man: Der Mann hat Benzin im Blut. Nun wird dieser fossilen Energie wegen der Ort gefressen, aus dem die Lichtgestalt stammt. Das Leben ist manchmal voller Ironie.