• Juni 2022

ELF WORTE

Ein Freund hatte mich eingeladen, in seiner Stadt, oder besser gesagt: Wir gingen zusammen mittagessen, seit langer Zeit wieder einmal. Auch wenn zwischen unseren Wohnorten bloss eine Eisenbahnstunde von Juraausläufern durchzogenes Mittelland liegt, so hatte Corona unsere Fernfreundschaft doch etwas strapaziert, denn es wurde in den vergangenen zwei Jahren leider vornehmlich digital kommuniziert. Dass ich eingeladen war, offenbarte mein Freund erst am Ende des Essens, als der Kellner die Rechnung brachte und mein Freund diese mit nonchalanter Selbstverständlichkeit an sich nahm. Die späte Offenbarung seiner Grosszügigkeit war klug, denn hätte ich von Anfang an gewusst, dass ich eingeladen würde, ich hätte wohl nicht bloss die halbe Portion bestellt und auch das Dessert nicht ausgelassen. Das Lokal ist nicht eben als günstig bekannt – und an solchen Orten tendiere ich beim Kartenstudium gerne zu etwas, was ich mir selber als noble Bescheidenheit verkaufe, wohl doch aber bloss angeborene Knausrigkeit ist.

Es war Montag, und es schien, dass an jenem Wochentag die Menschen dieser Stadt wohl alle gerne zu Hause assen. Wir waren fast alleine in dem Restaurant, in welchem ich seit Jahren nicht mehr gewesen war. Warum bloss? Denn es ist von betörender Eleganz: Muranolüster an der Decke, die Tische weiss eingedeckt, die Möbel gediegen, aber unprätentiös. Es herrscht eine Ruhe und Ordnung an diesem Ort, welche ich in meinem Leben oft vermisse. Ein bisschen erinnerte mich die Szenerie auch an einen Film von Scorsese, in dem irgendwelche Bosse zusammenkommen, um ungestört grössere oder kleinere Geschäfte einzufädeln. Nun, wir sind keine Bosse und hatten nichts Geschäftliches zu besprechen, bloss private Dinge, ein paar nicht Anwesende durch zukauen. Und wir bestellten beide das Tagesmenü, auch wenn es in diesem Restaurant kein wirkliches Tagesmenü gibt, sondern einen Tageswagen, den «Carrello del Giorno», auf dem das ganze Jahr hindurch und über alle Zeiten hinweg jeden Wochentag etwas anderes serviert wird, aber jede Woche dasselbe.

Ich schätze solch konservative Traditionen, denn es gibt weniger zu entscheiden. Das macht das Leben einfacher. Am Montag wird jeweils «Bollito di manzo servito con salsa verde e contorni di stagione» angeboten. Ein Gericht mit elf italienischen Worten hintereinander muss natürlich zwingend bestellt werden. Und es war eine gute Wahl. Vor allem auch der Salsa Verde wegen. Salsa Verde! Weshalb gibts das nicht bei der Gelateria di Berna als Sorbet? Oder in der Migros als Lutscher?

Das Restaurant übrigens liegt in Basel, am Rhein, es heisst Chez Donati. Ich weiss nicht, ob es ein schöneres Lokal gibt auf dieser Welt – in jenem Moment mit Bestimmtheit nicht. Einen alten Freund zu treffen, die Welt vor der Türe für zwei Stunden zu vergessen, ein Gericht mit elf italienischen Worten zu essen, ohne danach die eigene Kreditkarte in ihrem wohlverdienten Mittagsschlaf zu stören, und das an einem schnöden Montag. Das ist schwer zu toppen.

Als ich wieder zu Hause war, sagte ich es noch ein paarmal vor mich her, denn schon lange hatte ich kein so schönes Gedicht mehr gehört: «Bollito di manzo servito con salsa verde e contorni di stagione.» Und ich dachte an diese betörende, oasenhafte Ruhe des Restaurants. Bis ich ein Knurren vernahm, sanft aber von ausgeprägter Länge. Mein Magen. Ich hätte doch die ganze Portion nehmen sollen. Oder gleich den ganzen «Carrello del Giorno» mitsamt dem Kübel Salsa Verde.