• April 2025

Das Ding mit Küng: Die Armbanduhr – Tauchträume eines Nicht­schwimmers

Für was genau braucht der Mensch heutzutage noch eine mechanische Armbanduhr an seinem Handgelenk? Damit man weiss, wie spät es ist? Wohl kaum. Die Zeit, sie ist doch überall gratis zu haben. Zudem: Smartwatches sind billiger. Und genauer. Und smarter.

Nein, ich denke, man trägt eine Uhr, um eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die davon handelt, wer man ist. Und so war es für mich nur logisch, dass ich mich für eine Taucheruhr entschied. Denn für einen funktionalen Nichtschwimmer ist es ausserordentlich ermutigend, dass die Uhr an seinem Handgelenk wasserdicht ist – und auch noch in hundert Metern nasser Tiefe funktioniert.

Eine Armbanduhr bietet einem die Möglichkeit, das zu sein, was man nicht ist, aber gerne wäre. Sie berichtet von Abenteuern, zu denen man bereit wäre, und von wilden Dingen, die man erleben könnte. Die wenigsten, die eine Pilotenuhr tragen, sind in der Lage, ein Flugzeug zu lenken. Chronografen werden wohl eher selten dazu verwendet, auf Rennstrecken irgendwelche Rundenzeiten zu stoppen. Und viele tragen edle, teure Uhren, wie sie auch die Schönen und Reichen tragen, obwohl sie selbst zwar schön, aber nicht reich sind – oder umgekehrt.

Dass es bei mir nun gerade eine Taucheruhr der Marke Oris ist, hat wiederum einen ganz anderen Grund, nämlich einen lokalpatriotischen; oder sagen wir: heimwehtechnischen.

Die Firma Oris trägt ihren Namen des Orisbaches wegen. Dieses Fliessgewässer ist nicht sonderlich spektakulär, man braucht keine Taucheruhr, wenn man dort Kaulquappen jagen geht. Der Orisbach fliesst von seiner Quelle gerade einmal knappe neun Kilometer, bis er sich in einen Fluss namens Ergolz ergibt, der seinerseits in den Rhein mündet, der sich wiederum irgendwann in die Nordsee ergiesst.

Aber der Bach gab dem Tal, durch welches er sich schlängelt, seinen Namen. Und in diesem Tal liegt die Ortschaft Hölstein («Hölschte», 2652 Einwohner, 29 Vereine), wo die Uhrenfirma Oris seit 1904 ansässig ist. Hölstein gehört zum Kanton Basel-Landschaft – meinem Heimatkanton. Auch wenn ich diesen in jungen Jahren wegen Grossstadttrubelsehnsucht verliess, so fühle ich mich noch immer mit ihm und seinen kirschbaumgarnierten Hügeln verbunden. Und ein Bändel der Verbundenheit ist das Uhrband mit dem in Hölstein gefertigten Ticktack daran, welches ich mir morgens ums Handgelenk lege, um damit fern der Heimat durch den Tag zu spazieren.

Nicht einmal die künstliche Intelligenz hat eine Ahnung vom Kanton Basel-Landschaft.

Der Kanton Basel-Landschaft ist ja leider eher unbekannt. Fragt man etwa Chat-GPT: «Wofür ist das Baselbiet bekannt?», erhält man Sekunden später diese Antwort: 1. Natur und Landschaft; 2. Weinbau; 3. Basler Papiermühle.

Letztere ist natürlich in Basel-Stadt zu Hause. Also nicht einmal die künstliche Intelligenz hat eine Ahnung vom Kanton Basel-Landschaft. Deshalb finde ich es wichtig, nicht ohne einen diffusen Stolz auf den Umstand hinzuweisen, dass im Baselbiet Uhren gefertigt werden, und dann auch noch wirklich schöne Exemplare.

Mit dieser Ansicht bin ich übrigens nicht alleine. Auch ein maximal berühmter Basler Architekt, dessen ästhetisches Empfinden ausgeprägt ist, trägt eine solche Uhr. Vielleicht kommt ja eines Tages sogar Chat-GPT dahinter, was aus diesem Kanton alles so kommt; obwohl – so denke ich – bis dahin noch der eine oder andere Kubikmeter Wasser den Orisbach runterfliessen wird.

Foto: Julia Ishac