DIOGENES SAGT
Mein Sohn hielt einen Vortrag, morgens in der Schule, abends mir. Er hatte mich beim Fussballschauen erwischt, obwohl ich vor der WM den Moralisten herausgekehrt und verkündet hatte, kein Spiel zu schauen. Daran erinnerte er mich. Dabei schaute ich gar nicht wirklich Fussball. Es war ein Versehen. Die Katze war mit ihrer Pfote auf die Fernsehfernbedienung getreten. Die Kiste ging an. Und ich habe nicht abschalten können, denn ich hatte ja geschworen, die TV-Fernbedienung nicht anzufassen. Das sagte ich ihm, aber er schüttelte nur mitleidig den Kopf und meinte: «Sport ist von Nutzen, bis deine Wangen sich röten. Danach ist er schädlich und zerstört den Verstand.» Ein Zitat von Diogenes. Das ist kein brasilianischer Starstürmer, sondern war ein Pennerphilosoph, der in einem Fass gehaust haben soll und über den die Schriftstellerin Joyce Carol Oates gesagt hat, er sei der erste Stand-up-Comedian gewesen – und vielleicht auch der beste. Von ihm hatte der morgendliche Schulvortrag gehandelt.
Diogenes wäre sicherlich problemlos ohne diese WM ausgekommen. Aber ich bin nicht er, ich bin bloss ein einfacher Mensch, und man weiss ja: Man ist Viele. In einem ist der Idealist, der Moralist, der Gutmensch, aber auch das quengelnde Kleinkind, der Rebell, der ständig die eigenen Vorsätze und Standards sabotiert. Menschen sind Bündel von Widersprüchen auf zwei Beinen. Und es ist in der Tat auch nicht einfach, sich dieser Weltmeisterschaft zu entziehen. Erst unlängst hörte ich einen Schrei: mein Nachbar. Ich dachte, sicherlich sei ihm seine meteoritenschwere Handhebelespressomaschine auf die Füsse gefallen, also stürzte ich ins Treppenhaus und polterte gegen seine Türe. Glückselig grinsend öffnete er die Türe. Es war bloss das 1:0 der Schweiz gegen Kamerun gewesen.
Beim Italiener etwa lief der Fernseher, obwohl die Squadra Azzurra nicht an der WM partizipiert (elegant und geschickt hatte sie die Chance wahrgenommen, nicht nach Katar fliegen zu müssen). Natürlich setzte ich mich mit dem Rücken zur Flimmerkiste, aber ich sah das Geschehen in der Brille meines Gegenübers sich spiegeln. Verdammt, soll man in Zukunft denn nur noch mit Sehstarken oder Kontaktlinsenträger: innen essen gehen? Oder im Elektronikmarkt, wo man sich nur schnell über Heissluftfritteusen informieren möchte, sich dann aber im Labyrinth der TV-Abteilung verirrt? Ein Fussballspiel auf hundert Bildschirmen gleichzeitig hat eine fatale hypnotische Wirkung, auch auf den willensstärksten Menschen.
Zudem machen es einem Freunde auch nicht einfach, wenn sie – unklar, ob aus Hilfsbereitschaft oder Bösartigkeit – während des Gruppenspiels der Deutschen gegen Japan im Minutentakt SMS senden wie: «Banzai! Wenn du jetzt nicht den TV einschaltest, wirst du es bereuen, lebenslänglich.»
Die WM ist allgegenwärtig, ihr standzuhalten eine tägliche Prüfung. Diogenes sagte: «Die Verachtung der Lust ist – wenn man sich einmal darin geübt hat – selbst die grösste Lust.» Allerdings weiss ich nicht, ob dies wirklich so gesund ist. Klingt irgendwie pervers. Sowieso: Es ist nicht sicher, dass die Diogenes zugeschriebenen Zitate wirklich alle von ihm stammen. Er führte kein Tagebuch. Einer seiner Klassiker aber geht so: «Nicht der Mensch ist glücklich, der am meisten besitzt, sondern der, welcher am wenigsten braucht. Wer mit nichts zufrieden ist, der besitzt alles.» Nicht übel! Aber wie es sich für einen Stand-up-Comedian gehört…einen hat er noch, es ist vielleicht sein Bester: «Reichtum ist die Kotze des Glücks.»