DIE VER SPRECHEN DER ZAHL 18
18 fand ich noch nie eine besonders attraktive Zahl, irgendwie schief kommt sie daher, hinten gross, vorne klein, wie schlecht gebastelt. Gut, mit 18 Jahren wird man volljährig, man darf wählen und darf legal Wodka trinken, aber man wird als «Mann» auch wehrpflichtig und muss fortan Steuererklärungen ausfüllen. «18» heisst ein Album von Moby (mochte ich noch nie) und ein Schmachtfetzen der Boyband One Direction. 18 ist in rechten Kreisen der Initialen-Code für Adolf Hitler (erster und achter Buchstabe des Alphabets). 18 ist gerade – geraden Zahlen habe ich immer schon misstraut. Der Achtzehnfleckige Marienkäfer ist eine besonders hässliche Kreatur, insbesondere als frisch gehäutete Käferlarve. Das Achtzehneck ist nichts als ein rumpliger Kreis. Die «Achtzehn Elemente» sind zwar ein Begriff aus der buddhistischen Psychologie, sie werden im Buch «Dhatukatha» des Abhidhammapitaka ausführlichst behandelt und stehen in Zusammenhang mit Paticcasamuppada, der Lehre des «bedingten Entstehens», doch davon weiss ich gar, gar nichts. Trotz all dieser Widerstände und Vorbehalte gegenüber der Zahl 18 ist mein Leben doch schicksalhaft mit ihr verbunden. Seit jeher schon. 18 steht für eine geheime Gesetzmässigkeit, der ich ausgeliefert bin und die schon existierte, bevor ich von ihr Kenntnis nahm. Doch dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Es sind nämlich 18-Jahre-Tranchen, in die sich mein bisheriges Erdendasein unterteilen lässt. Die ersten 18 Jahren verbrachte ich in der unterschiedlich gearteten Idylle eines Bauerndorfes im Kanton Basel-Landschaft. Es war die Zeit der Kalibrierung, ein sich Gewöhnen an die Welt und die Gesellschaft. Dann verliess ich die elterliche Obhut, zog in die Stadt. Zwar vagabundierte ich mit unterschiedlich langen Haaren innerhalb der Stadtgrenze, vom Gundeli ins St.Johann, dann an die Hammerstrasse, aber der mHabitat war 18 Jahre lang Basel mit all seinen Annehmlichkeiten. Es war die Pubertät 2.0, eine Zeit der Leichtig- und Unverbindlichkeit, in der im Hintergrund immer laut Musik lief («Disco 2000» von Pulp) und man nie vor Mitternacht zu Bett ging, wenn denn überhaupt.
Nach 18 Jahren Basel packte ich die Zügelkisten erneut und übersiedelte nach Zürich, auch wenn die Basler Freunde sich damals am Kopf kratzten und meinten: «Warum? Was willst du in Arschloch-City?» Dabei stellte ich schnell fest, dass Zürich so schlimm nicht ist, wie in Basel damals viele meinten – obwohl die Freundlichkeit wirklich nicht gerade eine der Stärken Zürichs darstellt, wie ich unlängst wieder erfuhr, nachdem ich an dieser Stelle von Bern schwärmte respektive von der Freundlichkeit der Menschen dort. Worauf eine Leserin subito einen Brief schrieb: «Dieses Basellandei soll doch bitte seine Koffer oder Schachteln packen und nach Bern abrauschen. Armleuchter haben wir in Zürich schon genug, und wems nicht passt, der soll doch gehen! Nicht dass ich jetzt die Zürcher (sofern es von denen noch überhaupt viele hat) besonders nett finde, aber Zürich ist eine wunderschöne Stadt, und es ist ein Privileg, hier zu wohnen.» Unvergleichlich, der Zürcher Charme! Und recht hat sie. Es ist eine schöne Stadt, aber ich weiss auch: Bald sind wieder 18 Jahre abgelaufen. Und dies wiederum bedeutet gemäss der Logik der geheimen Zahlenmystik: Es steht ein Wechsel an; ob ich will oder nicht. Wohin werden die mystischen Kräfte der 18 Jahre mich diesmal führen? Das Schicksal wird es richten – und ich werde es freudig akzeptieren.