DIE TASCHE UND DER SACK
Ich kannte die Frau nicht, die mich im Kino fragte, ob der Platz neben mir noch frei sei. Gerne hätte ich gesagt, er sei besetzt, denn mir war nicht nach unnötiger Nähe, so freundlich diese Fremde auch sein mochte. Doch leider bin ich eine ehrliche Haut. Zu meiner Erleichterung meinte die Frau, ich müsse keine Angst haben, sie würde mir nicht zu nahe rücken, der Platz sei bloss für ihre Handtasche, die sie sogleich auf den Sitz hievte, ein Monstrum von Ding. Die Frau schien ein kommunikativer Typ zu sein, sagte in flötendem Tonfall: «Ich weiss, was sie nun denken, immer wir Frauen mit unseren grossen Handtaschen, nicht wahr? Und Sie haben recht: Was wir immer alles mit uns rumschleppen!»
Ich war einigermassen irritiert, ob ich auf eine Person gestossen war, die Gedanken lesen kann. Es war zwar nicht der exakte Wortlaut des Gedachten, aber in der Tat hatte ich mich kurz gefragt, was alles in der Tasche sein mochte, die riesengross war und wohl schwer wie ein Kalb. Gewisse Handtaschen sind ja wahre SUVs der Accessoire-Industrie. Womöglich hat es damit zu tun, dass man das Markenlogo öfter auf die Aussenseite drucken kann. Man möchte die Wahrnehmungsfläche vergrössern. Zudem hat man etwas Reales, an dem man sich festhalten kann – ein nachvollziehbares Bedürfnis in einer immer abstrakteren Welt. Auch ich hätte manchmal gerne eine grosse, schwere Handtasche, die mir Halt gibt. Die Frau sagte: «Da habt ihr Männer es besser, oder? Ihr habt einfach grosse Hosensäcke!»
Ich wusste nicht, was ich darauf hätte antworten sollen. Es dünkte mich einigermassen befremdlich, dass heutzutage jemand noch solch klare Gräben zwischen den Geschlechtern zieht: Frauen haben Handtaschen, Männer Hosensäcke. Würde ein Mann sich derart äussern, gälte er als retardierter alter Sack, und man würde ihm subito die Hosensäcke abschneiden oder ihn zumindest in den Senkel stellen. Doch was die Hosensäcke anbelangt, hatte sie recht.
Aber ich muss dazu gleich sagen, dass ich dann und wann unter meinen grossen Hosensäcken leide, denn je grösser diese sind, desto mehr stopft man rein. Ein Sackmesser, klar. Dann: Das Portemonnaie mit allen Quittungen des vergangenen Halbjahres; das iPhone samt Ladekabel; eine frische Schutzmaske; drei alte Schutzmasken; ein Schlüsselbund mit dem einen Schlüssel dran, von dem ich mich seit zwei Jahren frage, für welches Schloss der sein mag; eine Handvoll Münzen; Stifte, um Gedanken niederzuschreiben, sollten sie einen ereilen; Notizzettel mit Gedanken, die einen ereilt hatten und beim Niederschreiben genial waren, später leider nicht mehr; ein Glücksbringer; ein Desinfektionsflachmann; gebrauchte Servietten vom Bratwurststand. All dies verschwindet locker in den Tiefen der Säcke der Hose, die, ob des Inhalts schwer geworden, nur noch Dank eines satt geschnallten Gürtels der Erdgravitation trotzt. Das Fassungsvermögen von männlichen Hosensäcken ist unglaublich. Natürlich ist dies nicht immer schön anzusehen, denn die die Ausbuchtungen sind beträchtlich und lassen auf Unterleibsbeulenpest schliessen. Winters kein Problem: Oberschenkellange Herrenoberbekleidung verhüllt die Sache. Sommers gestaltet es sich anders.
Das Licht im Saal ging aus. Die Frau verstummte. Der Film fing an. Noch lange dachte ich über das Wesen des männlichen Hosensackes nach. Und neben mir sass eine Handtasche, stumm und gross, wie ein dunkles, geheimnisvolles Geschöpf.