Das Ding mit Küng: Coffee-Table-Books: Wer liest, hat schon verloren
Als ich ein Kind war, lebte ich auf dem Dorf. Dort gab es einen Zugezogenen, der immer die neusten italienischen Autos fuhr. Auf den Hutablagen dieser Lancias und Alfas lagen aber keine Hüte oder – auf dem Land verbreiteter – gehäkelte WC-Rollen-Überzüge, sondern Bücher, zumeist philosophische Werke von intellellomässig hohem spezifischem Gewicht.
Als ich ihm gegenüber erwähnte, dass er ganz schön viel lese, lachte er. Die Bücher lese er sicher nicht, sagte er, die lägen bloss da, damit die Leute sie sehen und denken: Hui! Der Besitzer dieses Autos muss sehr gescheit sein!
Dass Bücher nicht gelesen werden, sondern Gegenstände sind, mit denen man seine Umgebung dekoriert, um Eindruck zu schinden, darüber hat man sich schon im 16. Jahrhundert aufgeregt. Genauer war es Michel de Montaigne, der Begründer der Essayistik, der in seinem Aufsatz «Über einige Vergil-Verse» anmerkte, dass es ihn masslos ärgere, dass «den Damen» seine Essays bloss als Raumschmuck dienten – als Bücher, die sie im Wohnzimmerfenster auslegten.
Was früher das Wohnzimmerfenster als strategisches Podium für Statement-Bücher war, ist heute der Couchtisch – und die Raumschmucke sind nicht wortreiche Kleinformate von Montaigne, sondern die sogenannten Coffee-Table-Books. Zumeist sind dies bilderlastige Bücher, die so grossformatig und schwer daherkommen, dass man sie lieber erst gar nicht zur Hand nimmt – es sei denn, man möchte jemanden damit erschlagen oder sich eine Zerrung zuziehen. [Zehn schöne «Kaffeetisch-Schunken» stellen wir hier vor.]
Der Zweck von Coffee-Table-Books liegt denn auch mehrheitlich in der Betrachtung von aussen. Ihre Bestimmung ist, unberührt auf Couchtischen zu liegen – und bei harzigem Besuch den Gästen als praktischer Stichwortgeber zu dienen, um das Konversationseis zu brechen («Aha, ich sehe, Sie interessieren sich für Donald Duck!»). Coffee-Table-Books müssen in erster Linie gut aussehen, etwas hermachen und gross sein. Man könnte sagen, sie sind wie Topmodels – aber nur eben vergleichsweise etwas dicker und schwerer.
Gerne stapelt man diese Bücher auf den Couchtischen zu nicht zu hohen Türmen – und nicht selten erzählen sie von einem Leben, das man nicht hat, von dem man jedoch träumt. Das Softcore-Porno-Fotobuch «Sex» mit Madonna etwa galt lange als das Coffee-Table-Book schlechthin. Das aktuell erfolgreichste des auf diese Art von Büchern spezialisierten Verlags «Taschen» ist jenes über die Automarke Ferrari.
Als ich ein Kind war, dachte ich nicht an Madonna, ich träumte auch nicht von einem Ferrari – ich las Donald Duck. Der tollpatschig-liebenswert-cholerische Erpel war ja auch der sympathischste Charakter im Entenhausen-Universum.
Die lustigen Taschenbücher konsumierte ich wie Gummibärchen, verschlang das nährstoffarme Geistesfutter, all die phantastischen Geschichten wie «Im Land der viereckigen Eier» oder «Die Gurkenkrise» – und genoss dank der Sprache der Übersetzerin Erika Fuchs literarische Früherziehung, ohne es zu merken. Allerdings würde ich deshalb heute niemals ein Coffee-Table-Book über den Enterich erstehen. Ich habe gar keinen Couchtisch, der gross genug dafür wäre.
Foto: Julia Ishac
PS: Die «Essais» von Montaigne (400 Seiten, 17.50 Franken, Reclam-Verlag) sind wie geschaffen für die Hutablage eines Ferraris!