• September 2022

DICKE FREUNDE

Als ich von «Emma Matratze» hörte, dachte ich: Ach nee! Nicht schon wieder so ein primitiver Gassenhauer à la «Layla» («schöner, jünger, geiler») oder «Olivia» («wenn Deine Mutter wüsste…»)!

Denn «Matratze» ist bekanntlich ein frauenfeindliches, aber dudenkonformes und in ruralen Gebieten immer noch gebräuchliches Synonym für eine Prostituierte oder eine leidenschaftlich promiskuitive Frau. Verunglimpfungen von Vornamen in der Populärmusik kenne ich aus eigener Erfahrung, auch heute noch werde ich gerne von witzigen «Freunden» mit dem einstigen Platz 14 der Schweizer Radiohitparade aufgezogen («Max Don’t Have Sex With Your Ex» von der Band E-Rotic).

All die armen Laylas, dachte ich, all die armen Olivias, nun auch noch all die armen Emmas. Ich fühle mit euch. Doch dann bemerkte ich, dass es sich bei «Emma Matratze» nicht um einen neuen alkoholschwangeren Mallorca-Schlager handelt, sondern um einen Onlineanbieter von Bettmatratzen, und zwar einen scheinbar sehr erfolgreichen. Die in Deutschland ansässige Firma vermarktet die Matratzen auch in der Schweiz, hierzulande gar unter dem Gütesiegel «Made for Switzerland».

Man schreibt, die Matratzen seien «auf Basis jahrelanger Erfahrung, innovativer Technologien und hochwertiger Materialien» von «Schlafexperten» im «Testlabor» speziell für «Schweizer Bedürfnisse entwickelt» worden. Was heisst das? Wie unterscheiden sich unsere Bedürfnisse von jenen der Menschen in Deutschland oder Dänemark? Heisst dies eventuell, dass die Emma-Schlafexperten ein Produkt entwickelt haben, auf dem auch ein frisch gekürter Schwingerkönig samt Siegerprämien-Muni eine regenerative bis actionreiche Nacht verbringen kann? Oder verfügt die Matratze über ein integriertes Spezialfach, in dem sich Geld einfacher und sicherer verstecken lässt? Oder hat sie einen Kern aus Naturschaum-Schabziger? Oder ist sie einfach viel teurer als anderswo auf der Welt?

Der Kauf einer Matratze ist immer eine grosse und folgenschwere Sache, denn nicht selten verbringt man mit ihr viel mehr Zeit als mit jedem anderen Wesen, vor allem nachts. Zudem kostet so ein Ding Geld. Ich weiss noch, wie ich einst in einem Gourmethotel in Süddeutschland auf einer Taschenfederkernmatratze den süssesten Schlaf meines Lebens schlief.

Dieses Erlebnis war derart herrlich, dass ich am Morgen die walrossschwere Matratze anhob, um das Herstelleretikett zu fotografieren. Keine zwei Wochen später lag ein baugleiches Monstrum auf meinem Bettgestell, auch wenn es so viel kostete wie ein kleiner Kleinwagen aus zweiter Hand. Doch: Ich fand keinen Schlaf. Sie war viel zu weich. Vielleicht aber war sie auch zu hart. Und irgendwie dünkte mich, dass mir das Blut in den Kopf lief, wenn ich auf dem Rücken lag. Ich wusste nicht mehr, was ich fühlen sollte, wenn ich mich ins neue Bett legte und die Augen schloss. Doch ich musste mich gut fühlen, weil sie so teuer gewesen war! Es gab keine bessere Matratze! Zudem war sie vielschichtiger als mancher Mensch, also war nicht sie das Problem, sondern ich.

So wandte ich mich an einen mit Möbeln handelnden Freund. Der meinte, ich hätte die falschen Rückschlüsse gezogen, damals im Gourmethotel, ich hätte wohl eher des Weins wegen so gut geschlafen, nicht wegen der Matratze. Ich Dummkopf!

Doch nach einer Weile gewöhnte ich mich an sie. Oder sie an mich. Vielleicht wir aneinander. Auf jeden Fall: Wir sind dicke Freunde geworden. Und der Schlaf, er ist ein Traum.