• September 2023

DER SCHARFE MAXX (NICHT ICH!)

 

Vornamen für Kinder zu finden, ist für werdende Eltern ein grosser Spass – und für vielleicht längere Zeit auch die letzte Gelegenheit, zusammen unbeschwert kreativ sein zu können. Man legt manisch-lange Listen an: für Mädchennamen, für Bubennamen, markiert Favoriten, streicht Namen wieder weg. Es kommen neue hinzu, etwa nach den wunderbaren Ferien im Engadin, ein Multipack voller herrlich klingender Vornamen aus dem heiligen Kanton: Bigna! Andriu! Scarnuz! Aber irgendwann muss die innerfamiliäre Findungskommission zu einem Entschluss kommen, eine harte Entscheidung ist gefragt. Und schon sind die Kinder geboren und wachsen und gedeihen mit dem Namen, den sie bei der Geburt erhalten haben. Natürlich kann man sein Kind nach Figuren aus dem Star-Wars-, Game-of-Thrones- oder Teletubbies-Kosmos benennen, doch man sollte die Namen auf Verunglimpfungspotenzial abklopfen, vorteilhafterweise auch auf eventuelle Doppeldeutigkeitsgefahr in fremden Sprachen. «Pippa» etwa klingt hierzulande pfiffig, allerdings wird Pippa vielleicht bei einer zukünftigen Interrailreise in Schweden oben herausfinden, dass ihr Name dort auch für eine günstige Praktik in einem erotischen Etablissement steht.

Als ich meine Mutter einst fragte, weshalb ich Max heisse – und nur Max, ohne zweiten oder dritten Vornamen, auf den man optional zurückgreifen könnte –, meinte sie, der Klang habe ihr gefallen. Ganz simpel. Und auch die Kürze. "Max" lässt sich gut rufen. Ich bin grundsätzlich zufrieden mit meinem Vornamen, er lässt sich schlecht verballhornen. Aber leider steht Max seiner Qualitäten wegen nicht nur auf der Liste von nach Namen suchenden Eltern, sondern auch auf jenen von Marketingfirmen. Die Migros bietet unter "Max" eine breite Palette von Billig-Hundesnacks an, etwa Straussenstreifen oder getrocknete Schweineohren. Und exakt vor zwanzig Jahren kam der Scharfe Maxx in die Supermarktregale, ein Käse aus dem Thurgau. Es folgte der Freche Maxx («zartschmelzend») sowie der Edle Maxx 365 («mit Reifekristallen»). Zudem – in Anbetracht der Maxx-Käsevielfalt nur logisch – ein flotter Werbespruch: «So wie du’s maxxt.»

Aber nun stand es in allen Zeitungen: Die Maxx-Käse mussten zurückgerufen werden. Listerienbefall! Mit Listerien ist nicht zu spassen, da hilft kein Anruf beim RohrMax («…ich komme immer!»), dem ich an dieser Stelle zum 50. Geburtstag gratulieren möchte. Die Thurgauer mussten die Laibe ihres Maxx-Käselagers einschmelzen. So etwas ist für eine Käserei sicherlich nicht lustig, aber immerhin habe ich nun eine Weile Ruhe, denn es gab in meinem erweiterten Freundeskreis immer wieder Spassvögel, die mir ein Stück vom Scharfen Maxx schenkten, begleitet von Augengezwinker und gehüsteltem Gelächter. Hundefutter, Käse, Abflussservice: Mit dem Namen Max darf man scheinbar alles anstellen, wohl auch, weil es sich um einen männlichen Vornamen handelt. Der ebenfalls von den Thurgauern hergestellte Käse namens Zarte Klara könnte man sich schwer als Scharfe Klara vorstellen. Ich denke, das käme nicht gut an. Allerdings: Würde ich Klara heissen, ich würde mich auch so ärgern, egal wie zart mein Gemüt wäre.

An einer Stelle habe ich in diesem Text geflunkert. Es gab in meiner Jugend tatsächlich einen «Kameraden», der die Sicherheitslücke in meinem Vornamen fand und Max in einen für ihn lustigen und für mich ermüdenden Kurzreim zu verwursten wusste – allerdings bin ich nicht scharf drauf, diesen an dieser Stelle zu verraten. Sonst werde ich ihn mein Lebtag nicht mehr los.