• Januar 2023

DER MARSCH ZUR LIEBENSWÜRDIGKEIT

Nachdem ich mit einer Frau in einer Bäckerei in Bern telefoniert hatte, um mich nach der Möglichkeit einer glutenfreien Schwedentorte zu erkundigen, ging ich in den Keller und machte mich auf die Suche nach den achtzehn Jahre zuvor dort deponierten Zügelkartons. Denn die Frau aus Bern war am Telefon so nett gewesen, so höflich, so zuvorkommend, dass in mir sogleich der Wunsch entstand, dem Ruf der Freundlichkeit zu folgen. Weshalb in einer schroffen, kühlen und zuweilen offen rücksichtslosen Stadt wie Zürich leben, wenn es Orte gibt, an denen man Gutherzigkeit praktiziert? Doch noch als ich nach den Zügelkartons suchte, hielt ich inne. Denn erstens ist das Zügeln immer eine furchtbare und belastende Angelegenheit. Und zweitens: Vielleicht bin ich hier in Zürich ja doch nicht so falsch, sondern genau am richtigen Ort.

In diesem Magazin wurde zum Ende des letzten Jahres eine ganze Nummer der Freundlichkeit gewidmet. Das hat die Freundlichkeit verdient, denn sie macht das Leben besser, lebenswerter und einfacher für uns alle. Und sie ist ja keine komplizierte Wissenschaft: Ein Lächeln hier, eine Türe aufhalten dort, dann und wann ein nettes Wort. Es braucht wahrlich nicht viel.

Ich bin ein grosser Fan der Freundlichkeit und wende sie im Alltag als Freiwilliger an, wann immer ich Gelegenheit dazu habe. Zum Beispiel im Strassenverkehr. Dort bin ich als Viele unterwegs, manchmal als Fussgänger, der sich mit Handheben bedankt, wenn das Auto vor dem Zebrastreifen mit quietschenden Reifen zum Stehen kommt; manchmal als Velofahrer, der sich – wann immer möglich – an die Strassenverkehrsvorschriften hält; manchmal als Autofahrer, der kaum je hupt, aber gerne Vortritt gewährt – und nur wie Gandhi milde lächelnd flucht und schimpft, wenn die Wagenfenster geschlossen sind. Die Multiperspektive hilft natürlich, um sich in gewissen Situationen leichter in andere hineinzuversetzen, Empathie zu entwickeln, um in der jeweiligen Sparte dann den Freundlichkeitsgenerator anzuwerfen. Und ich finde es eine sehr gute Idee, was einmal ein Bekannter angeregt hat: dass angehende Motorradfahrer: innen nur den Ausweis bekommen, nachdem sie an einem Sommertag mit einem Velo auf einen Alpenpass gestrampelt sind – und am eigenen Leib erfahren durften, wie es sich anfühlt, von motorisierten Zweiradfahrern mit hundertachtzig Sachen überholt zu werden. Dies wäre für sie wahrlich ein wirksamer Schritt auf dem langen Lern-Marsch zur Liebenswürdigkeit.

Die Freundlichkeit ist nicht bloss eine Lebenseinstellung, sondern eine ewige Übung. Sie erfordert tägliches Training. Dies ist vielleicht auch der Grund, weshalb ich nicht nach Bern ziehen sollte, sondern in Zürich am richtigen Ort bin. In Bern wäre ich mit meiner spezifischen Freundlichkeit vielleicht bloss Mittelmass, ein durchschnittlich nettes Basellandei, das einst in die Stadt gerollt kam und im bereits gutherzigen und höflichen Bern nichts bewirken kann – ausser, den Freundlichkeitsdurchschnitt eventuell gar etwas nach unten zu ziehen. Hier in Zürich hingegen kann man auch als Halbschroffer noch aktiv sein und etwas leisten, Gutes tun. Wie ein Missionar. Tag für Tag. Also bleiben die Zügelkartons gefaltet, wo sie sind. Das liebe Bern muss warten. Denn ich weiss: Es wird nicht lange dauern, bis irgendwo in Zürich ein bärbeissig-übellaunig-ruppig-ungehobeltsauertöpfisch-miesepetriger Arsch des Weges kommt, der mit einer geballten Ladung Freundlichkeit therapiert werden muss. Die Arbeit hier, sie ist noch nicht getan.