DAS OFENBRATENSANDWICH
Beim Check-in 2 entdeckte ich ein vertrautes Geschäft: den Flughafebeck. Erfreut trat ich an die Verkaufstheke, orderte ein Sandwich mit Ofenbraten, so wie ich es immer tat, bevor ich im Flughafen Zürich in einen Flieger stieg. Doch die Bedienung meinte knapp, ein Sandwich mit Ofenbraten gebe es nicht. Ich fragte nach. Sie seufzte. Es gebe Roastbeef, Schinken, Vegetarisch. Aber kein Sandwich mit Ofenbraten. Ich erwiderte, dies könne nicht sein, das Ofenbratensandwich hätte ich immer schon gekauft, es gehöre quasi zu meiner Reiseausstattung, so wie Steckdosenadapter und Nasenhaarschneider. Doch sie schüttelte vehement den Kopf: Davon habe sie noch nie gehört. Und sie müsse es wissen, fügte sie forsch hinzu, sie arbeite schon vier Jahre hier. Es war mir dann, als äugte sie über meine Schulter Richtung einer Patrouille der Flughafenpolizei, die ihre Maschinenpistolen spazieren führten. Ich wollte nicht weiter renitent wirken, ging wort- und sandwichlos Richtung Sicherheitskontrolle.
Es musste also über vier Jahre her gewesen sein, seit ich dort ein Sandwich gekauft hatte. Und in der Tat, das letzte Mal stieg ich auf dem Flughafen Zürich im Jahr 2016 in ein Flugzeug, nach London ging es damals, Ferien mit dem Buben (der auf der Rückreise auf die obligate Elternfrage «Was hat dir am besten gefallen?» antwortete: «Die beheizbare WC-Brille im Hotel!»).
Die Gründe für das Nichtfliegen seither waren natürlich vor allem ökologischer Natur. Ich bin zwar kein Teil der radikalen Klimajugend, aber aktiver Anhänger des radikal introvertierten Klimaalters. Zudem bin ich der Überzeugung, dass es auch in der Nähe genug zu entdecken gibt und man seinen inneren Frieden finden kann, ohne sich auf Bali mit Klangschalen, Regenrohren und schamanischen Rasseln den zivilisatorischen Beelzebub respektive das -mädchen austreiben zu lassen – das geht bestens auch im Tessin.
Nun aber war es wieder einmal so weit. Gezwungenermassen, berufsbedingt. Der Flughafen fühlte sich fremd und vertraut zugleich an. Manche Dinge hatten sich verändert, andere waren wie eh und je: das Gewusel der Leute, die in ihre Heimat flogen oder in die Ferien verreisten, das Gewirr der Stimmen und der Sprachen, das Konzert der ratternden Rollkofferräder, Sicherheitsdurchsagen, ein trotzig weinendes Kind, eine schrill lachende Frau, zwei Liebende, sich stumm umschlingend. Ich erinnerte mich an die Zeiten, als man ohne sich gross Gedanken zu machen in ein Flugzeug stieg und dem Fremden und Unbekannten entgegenflog – und fühlte eine Leichtigkeit und Vorfreude auf das Kommende, aber auch leise Nervosität. Klassisches Reisefieber eben, vielleicht auch bloss erhöhte Temperatur.
Das Flugzeug war bis auf den letzten Platz besetzt und hob mit zwölf Minuten Verspätung ab. Die Beschleunigung drückte uns in die Sitze. Es rumpelte. Es piepste. Es surrte. Bald beschrieben wir eine Kurve. Es wurde ruhiger. Der Himmel war unschuldig blau und der See unter uns glitzerte im geraden Licht der Mittagssonne vor einem verschneiten Alpenpanorama. Ich kam nicht umhin zu denken: Es ist schön, das Fliegen. Und für einen mit Physik wenig vertrauten Laien noch immer ein Wunder. Schön und ein Wunder, also wunderschön.
Jammerschade, ist es böse. Und schade auch, hatte ich kein Ofenbratensandwich dabei, um reinzubeissen, so wie früher, als alles noch anders war. Steil stiegen wir in die Luft, die Dinge unter uns wurden kleiner und kleiner, bis die Flughöhe erreicht war. So ging es Richtung Westen.