• März 2022

DAS ENGE TAL

Ich war schon immer ein Freund der Ironie, nicht nur zur Fasnachtszeit. Und sie muss wohl auch mir gut gewogen sein. Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass just an jenem Mittwoch, als der Bundesrat den Quasi-Freedom-Day verkündete, das Resultat meines Covid-Tests positiv ausfiel, alle ihre Masken ablegten und ich en famille in Isolation ging, während der Sportferien, im Ferienhaus in den Bergen, kaum hatten wir dort eingecheckt. Es gibt sicherlich schlimmere Orte dafür, ein Zimmer in einem bewachten fensterlosen Quarantänehotel in der chinesischen Provinzstadt Guangzhou etwa. Trotzdem stellt man sich Ferien anders vor. Zwei Jahre war ich dem Virus erfolgreich aus dem Weg gegangen, geimpft, geboostert und mit angebrachter Vorsicht. Nun hatte es mich doch noch erwischt, auf der Zielgeraden sozusagen. Ganz so, als wollte ich auf den letzten Drücker doch noch in den Genuss von etwas kommen, was es vielleicht bald nicht mehr gäbe, damit ich dereinst meinen Enkelkindern mit raunender Stimme von dieser sagenumwobenen «Isolation» berichten kann.

Der Krankheitsverlauf war milde. Und das Wetter: grossartig! Bei Traumwetter in den Sportferien zum Drinsein verdammt zu sein, hat seinen eigenen Reiz. Man darf, ja, muss ohne schlechtes Gewissen all die Dinge tun, die man sonst niemals ohne schlechtes Gewissen tun könnte. Den Kindern gelingt dies ohne Probleme. Als Erwachsener geht es anfangs nicht ganz ohne Scham, auch nicht ohne Langeweile.

Als mir während einer Partie Curling am TV einmal die Zeit besonders lang vorkam, beschäftigte ich mich, um mein Gemüt aufzuheitern, mit Rechenaufgaben, die einer Gymi-Aufnahmeprüfung entstammen könnten: «Zwei Erwachsene und zwei Kinder machen eine Woche Ferien. Die Miete einer Langlaufausrüstung kostet pro Tag 23.17 Franken für Erwachsene, 20.50 für Kinder. Wie viele Flaschen Tignanello kann sich der Vater leisten, wenn die Familie fünf Tage keine Skier mieten muss?»

Zudem: Probleme haben schliesslich alle, nicht nur die Menschen in Isolation oder im neuen Roman von Yasmina Reza. Davon erzählte mir unlängst ein Freund von einem Bekannten, der im Engadin als Skilehrer arbeitet: Dieser Bekannte hatte einen Kunden aus London (der Wohnsitz; er stamme nicht von dort, sei wohl eher einer von Putins Gnaden), der niedergeschlagen wirkte, auch die sonnenverwöhnte Landschaft des Engadins vermochte ihn nicht aufzuheitern. Während einer Lektion offenbarte sich der traurige Kunde schliesslich dem Lehrer. Er habe ein neues Flugzeug gekauft. Leider sei es zu gross, um damit auf dem Flughafen in Samedan zu landen. Respektive: Das Tal sei zu eng. Er musste sein neues Spielzeug zu Hause lassen und ein kleineres Düsending mieten, um damit in den Winterurlaub zu fliegen. Das hätte mich auch geärgert! Und wie mich das geärgert hätte! Rumpelstilzchenmässig!

Die Probleme anderer Menschen helfen einem, die eigenen einzuordnen, vor allem, wenn es sich dabei um Probleme handelt, welche weit weg vom eigenen Erfahrungshorizont sind. Die Probleme der Gymi-Aufnahmeprüfung hingegen sind mir noch in lebhafter Erinnerung, obwohl seit dieser Erfahrung ein paar Jahre vergangen sind. Ich erinnere mich sowohl an die Probleme vor wie auch die nach der Prüfung. Und ich wünsche allen – Kindern wie Eltern und auch den Mitgliedern der angemieteten Coachingteams und des psychologischen Betreuungsstabs – viel Kraft und Mut. May the force be with you.

Das Gute daran: Es geht vorbei. So wie die Isolation. So wie alles, früher oder später.