• April 2025

Das Ding mit Küng: Was tun mit Schneeketten im Sommer?

«Sometimes it Snows in April», singt Prince im gleichnamigen Song, der ziemlich genau vor vierzig Jahren aufgenommen wurde (21. April 1985). Und MeteoSchweiz bestätigt die verträumt dahergebrachte Behauptung des Sängers: Schneefälle im meteorologischen Frühling sind in den Tieflagen der Alpennord- und Alpensüdseite keine Seltenheit. Im langjährigen Durchschnitt gab es im April ein bis zwei Tage mit Neuschnee, wobei die zweite Monatshälfte sehr selten davon betroffen war. Deshalb konnte man sich heuer beruhigt an die Faustregel «O bis O» halten, wechselte die im Oktober aufgezogenen Winterreifen guten Gewissens vor oder nach Ostern gegen die Sommerpneus.

Zusätzlich entlade ich dann jeweils die Schneeketten, die in den Tiefen des Kofferraums in einer schwarzen Hülle ihren Winterschlaf abgehalten haben – und zwar die ganze Zeit über unberührt und ungestört. Denn meine Schneeketten wurden noch niemals gebraucht.

Zum Glück! Denn ich bin in ihrer Handhabung jungmännlich und gänzlich unerfahren. Die Vorstellung, morgens um zwei bei minus 20 Grad und heftigem Schneetreiben im heulenden Wind kurz vor beispielsweise Tschiertschen in der Dunkelheit Ketten zu montieren: Albtraum! Ich würde wohl noch während des Studiums der Montageanleitung erfrieren: «Nun im oberen Teil des Rades den orangefarbenen Haken (4) in die Öse (5) einhängen. Dies geht am einfachsten, wenn Sie die orange Kette ein Stück aus der Ratsche (6) ziehen. Dazu den orangefarbenen Knopf drücken.»

Das Auslagern der Schneeketten hat auch einen ökologischen Aspekt: Die Dinger wiegen knappe 4 kg. Neben der «O bis O»-Faustregel existiert eine andere Handgelenk-mal-π-Daumenregel: 100 kg Mindergewicht senkt den Verbrauch eines Pkw auf 100 km um 0,3 l. Dies hiesse bei einer halbjährlichen Distanz von 6000 km eine Einsparung von 0,72 l, falls man die Ketten in der Sommerreifensaison nicht unnötigerweise mitfahren lässt. Das klingt nach wenig, gerade mal etwas mehr als in einer Pulle Wein drin ist. Doch wenn alle 4’796’090 Millionen in diesem Land zugelassenen Fahrzeuge sommers kettenlos herumfahren, sparen wir (abzüglich der 4,4 Prozent Elektroautos) 3,3 Millionen Liter Benzin oder Diesel (plus auch etwas Strom).

Natürlich wäre so ein Auto noch verbrauchsfreundlicher, würde die Fahrerin oder der Fahrer gar nicht mitfahren, sondern bliebe zu Hause, und das Auto führe alleine. Oder man würde durch bewusste Ernährung und/oder Sport vier der über Weihnachten angefressenen Kilo Winterspeck wegbekommen. Oder man hätte zumindest beim Osterbrunch nicht so derb zugelangt. Doch keine Ketten im Kofferraum herumkutschieren: immerhin schon einmal ein Anfang – oder so circa 66 Milliarden Tropfen auf den heissen Stein. Und dies bloss, weil man nicht zu faul ist, die Dinger aus der Karre zu holen.

Bis Oktober müssen die Schneeketten übrigens nicht unnütz im Keller liegen. Über dem Bett von der Decke hängend sind sie als Traumfänger nicht nur Hingucker, sondern bewahren einen auch vor schlechten Träumen, etwa jenem, in dem man morgens um zwei bei minus 20 Grad kurz vor Tschiertschen mit klammen Fingern im Schnee herumkriecht und versucht, den Rädern Ketten anzulegen.

Benzin gespart, Zimmer dekoriert, schlechte Träume gebannt: Der Sommer kann kommen.

Foto: Julia Ishac