Das Ding mit Küng: Warum die Jalousie nach der Eifersucht benannt ist
Es gibt sie noch, die Dinge, die aus Frankreich kommen: die Amour fou etwa, die Quiche oder das Pissoir. Dies alles sind Wörter, die man im deutschen Sprachschatz findet, deren Ursprung aber in der Grande Nation liegt. Man nennt solche aus Frankreich eingewanderten Begriffe Gallizismen.
Auch die Jalousie gehört dazu, also jene Vorrichtung, die an Fenstern Schutz vor Sonne oder unerwünschten Einblicken bietet und meist aus verstellbaren Querleisten aus Kunststoff oder Aluminium zusammengesetzt ist.
Die Jalousie heisst nicht von ungefähr, wie sie heisst, denn bekanntlich bedeutet das Wort in der französischen Sprache auch «Eifersucht». Inspiration waren die verkleideten Fenster der orientalischen Harems, in denen der eifersüchtige Sultan oder Kalif – oder wer auch immer sich einen Harem leisten konnte – seine Ehefrauen, Konkubinen und Eunuchen vor den Blicken der Aussenwelt verbarg.
Jedenfalls: Das auch heute noch verwendete Prinzip, mit der sich die Jalousie verstellen lässt, geht auf eine im Jahr 1812 patentierte Weiterentwicklung eines Pariser Tischlers namens Cochot zurück: Holzlamellen, die durch Kettchen verbunden waren.
Die Doppeldeutigkeit des Begriffs machte sich auch der Schriftsteller Alain Robbe-Grillet für seinen 1957 erschienenen Roman «La Jalousie» zunutze, in dem es sowohl um das eine wie auch um das andere geht. In der deutschen Übersetzung heisst der Roman folgerichtig und unmissverständlich korrekt «Die Jalousie oder Die Eifersucht». Allerdings möchte ich eine Lektüre dieses «Nouveau Roman» nicht wirklich empfehlen; sie ist nur mit viel Willen zu bewältigen, denn so etwas wie eine eigentliche Handlung fehlt. Georges Perec meinte böserweise, der Autor sei ein «Techniker», der «schöpferische Tätigkeit mit Laborarbeit» verwechsele.
Gerne wird die Jalousie auch in Filmen verwendet, denn die effektvollen parallelen Licht- und Schattenstreifen verleihen Räumen eine besondere Atmosphäre. Man denke etwa an den Erotikblockbuster «9½ Weeks» mit Kim Basinger und Mickey Rourke; und dort vor allem an die Szene, in der Kim Basinger zu Joe Cockers «You Can Leave Your Hat On» vor, hinter, an und mit einer Jalousie tanzt. Eine Szene, die damals in den Kinosälen zu Schnappatmung führte.
Die Aluminiumhorizontaljalousie war ein ikonisches Objekt der dekadenten Achtzigerjahre. Sie stand für das typisch kühle, moderne Design in Yuppie-Wohnungen sowie als innenarchitektonisches Detail, das Macht und Distanz in den Büros der Speerspitzen der Finanzbranche (Goldman Sachs, Morgan Stanley, Pierce & Pierce) ausdrückte.
Die Verwendung des Begriffs «Jalousie» stammt übrigens ursprünglich aus dem Italienischen, wo die Eifersucht fast wie eine Blume heisst: «Gelosia». Im Grunde ist der Gallizismus also un italianisme détourné.
Wie dem auch sei: Für mich ist die Jalousie eine dieser Erfindungen, die modern und praktisch erscheinen, an denen man jedoch im Alltag immer wieder verzweifelt; denn für Ungeübte und/oder Ungeschickte ist es unmöglich, eine dieser manuellen Jalousien per Schnurzug zu bedienen, ohne dass sie klemmt oder bloss einseitig rauf- oder runtersaust und einem ein Fluchwort entlockt – ob dieser Fluch auf Französisch oder Italienisch ausgerufen wird, ist dann egal.
Foto: Julia Ishac