• August 2025

Das Ding mit Küng: Asthmaspray: Ventolin – verleiht den Lungen Flüüügel

In einem heissen Sommer vor vielen Jahren war ich in Umbrien zu Gast bei Freunden, die dort ein Haus besitzen, hübsch auf einem Hügel gelegen, der Blick geht bis Assisi. Von diesen Freunden wurde ich eines Tages über staubige Strassen zu einem herzigen Weingut gekarrt, um die dortigen Produkte zu degustieren, Roten wie Weissen.

Die Weine hatten alle etwas gemeinsam: Sie schmeckten fantastico! «So gute Weine», rief ich aus, «habe ich meiner Lebtage noch nie getrunken!» Ich war begeistert – auch darüber, dass mir die Gnade zuteil wurde, diese önologische Entdeckung in Umbrien machen zu dürfen.

Also fragte ich in meinem besten Italienisch plus etwas Pantomime den genialen Winzer, ob er eventuell und unter Umständen seine Produkte auch in die Schweiz verfrachte, ob ich etwas bestellen könne. «Spedidingsda o äh transportare i vini anche nach Zurigo? Dodici Kisti di tuttiquanti?!», so in etwa klang es. Worauf der freundliche Winzer grinste und sagte: «Zurigo? Ma, vai a Coop!»

Ventolin schmeckt immer gleich

Denn dort führten sie seine Weine, wie er weiter ausführte, nicht ohne Stolz. Zwar wurde damals meine Euphorie etwas getrübt durch das Wissen, dass die Weine dieses «kleinen» und doch eben erst von mir entdeckten Weinguts zu Hause im Supermarktregal auf Krethi und Plethi warteten, dennoch ging ich später wie geheissen in den Coop und kaufte einen Karton flüssiger Sommerferienerinnerung, um Schluck für Schluck gedanklich nach Umbrien zurückzureisen.

Doch: Der Wein schmeckte ganz anders, als ich ihn in Erinnerung hatte. Er war überhaupt nicht gut! Vielleicht, so dachte ich, lag es an der konsumierten Menge, also trank ich schnell aus und zog subito den Korken aus einer zweiten Pulle. Doch auch dieser Tropfen schmeckte wie jener in der Flasche zuvor – so ganz anders als der Wein, den ich in Umbrien getrunken hatte. Che delusione! Ohne den Geist des Ortes scheinen die Dinge nicht dieselben zu sein. Eine wichtige, aber ganz und gar traurige Erfahrung.

Hingegen exakt und präzis genau gleich wie zu Hause schmeckte das Asthmamittel Ventolin, welches ich mir in einer Apotheke in Alassio beschaffte, da ich vergessen hatte, es ins Necessaire zu packen.

Ich war des Gümmelens wegen an die Westliche Riviera gereist, denn die steilen Hügel dort eignen sich bestens dafür. Und wie jeder Profi und jede Amateurin weiss: Keine rekordverdächtige Rennvelotour ohne vorgängig ein paar hübsche Hübe Ventolin, um die Lungenflügel zum Fliegen zu bringen (selbstverständlich nur, wenn man ärztlich attestiert unter Asthma leidet)!

Ein kleiner Unterschied existiert allerdings zwischen dem Ventolin in Italien und jenem zu Hause: In Alassio kostete der Spray 4 Euro und 9 Cent (und zwar ohne Rezept). In der Schweiz schlägt das identische Produkt rezeptpflichtig mit 13 Franken und 60 Rappen zu Buche. Eine Differenz, bei welcher selbst mathematisch Minderbegabte eine Signifikanz entdecken.

Aber eben: Es schmeckte identisch, das Ventolin, ebenso war die Wirkung, flott ging es von Alassio hoch auf den Passo del Ginestro (677 m ü. M.) – und am liebsten hätte ich jemanden gefragt, ob man diesen ligurischen Lieblingspass samt zugehöriger Panoramastrasse und Meerblick in die Schweiz spedieren lassen könnte! Denn im Coop gibts den sicher nicht.

Song zum Thema: «Ventolin» von Aphex Twin.

Foto: Julia Ishac