Das Ding mit Küng: Swiss Army Knife: Mein Sackmesser ist auch eine Fonduegabel
Früher hiess es: «Ein rechter Bub hat ein Sackmesser im Sack.» Heute gehört dieser Satz zur stetig anwachsenden Gruppe der schlecht gealterten Redensarten und ist aus diversen Gründen problematisch. Er könnte etwa politisch gelesen werden – und die Frage aufwerfen, was ein linker Bub denn im Sack zu tragen habe. Und einer aus der Mitte? Dazu kommt die Genderproblematik: Warum sollten nicht auch Mädchen Sackmesser am Gürtel tragen? Hinzu kommt die im zeitlichen Kontext sich gewandelte Konnotation des Begriffs «Messer»: früher gut (da praktisch, Werkzeug), heute böse (da gefährlich, Waffe).
Ich wollte wohl nie so richtig ein rechter Bub sein. Vielleicht trug ich deshalb kein Messer mit mir herum. Eventuell war ich als Bauernjunge aber auch eher konkreten Werkzeugen zugetan. Beim Mausen etwa war zum Abschneiden der knochigen Schwänze der Nagerkadaver eine flugrostige Gartenschere viel praktischer als so ein schickes Messerchen.
Auch war ich nie ein Anhänger der Idee, dass man mit dem Ding im Hosensack durch die Welt schreitet und im MacGyver-Eifer denkt: Ich bin bereit, egal welches Problem sich mir in den Weg stellt. Ich war wohl immer eher der, der den Problemen aus dem Weg ging.
Wie dem auch sei: Unlängst legte ich mir doch noch ein Sackmesser zu, und zwar aus gutem Grund. Das Swiss Army Knife ist ja längst kein profanes Messer mit Klappklingen mehr, es hat sich zu einem Multitool gewandelt – und zu den klassischen Werkzeugen wie Büchsenöffner oder Zapfenzieher kamen immer wieder neue Funktionen hinzu: die Fonduegabel, der Fischentschupper, der Nagelknipser, der USB-Stick.
Meines kommt daher wie ein klassisches Armeemesser mit griffiger Schale aus eloxiertem Aluminium und Schweizerkreuz im Wappen. Es besitzt allerdings gar keine Messerklinge – dafür ein Werkzeug namens «Paketöffner», mit dem man schnell und elegant den Dingen beikommt, welche mich bei einem Paket vom Inhalt trennen, etwa Klebe- oder Kunststoffbändern. Dieses Werkzeug ist extrem jetztzeitig, denn das Öffnen von online bestellten Paketen ist eine der grossen Freizeitaktivitäten.
Früher gab es Pakete zu Weihnachten oder zu Geburtstagen, heute gehören sie zum postalischen Alltag. Eine «Studie» des Paketlieferdienstes DPD ergab unlängst: Wir erhalten in unserem Land im Schnitt 56,9 Pakete pro Kopf und Jahr.
Das Öffnen eines Pakets ist eine immer wieder aufs Neue erregende Erfahrung – sei es in der zur Kunstform veredelten Version des «Unboxing» (also der zelebrierten Öffnung, gerne auch semiprofessionell gefilmt und ASMR-optimiert für Youtube) oder auch ganz pragmatisch im Schnell-ruckzuck-ratsch-Verfahren mit gierig zitternden Entzugserscheinungsfingern bei Alltagspaketen von beispielsweise Kaffeelieferanten.
Nicht selten macht man in der Folge eine spezielle Erfahrung: Das Paket zu öffnen war schöner, als den Inhalt dann in den Händen zu halten. Das Davor ist grösser als das Danach. Und schon vermisst man dieses angenehm kribbelnde Gefühl auf der Kopfhaut des Hinterkopfs, welches in den Nacken sickert und in den oberen Wirbelsäulenbereich. Dieses Glücksgefühl, wenn das Werkzeug das Klebeband durchtrennt und das Objekt der Sehnsucht gebiert. Also bestellt man ein neues Paket, um es alsbald wieder zu erleben. Und hey: Irgendwas braucht man schliesslich ja immer.