• Oktober 2025

Lesetipp der Woche: Rachel Kushner: Ein Buch, das uns im Inneren verschiebt

Eine ausrangierte FBI-Agentin infiltriert in «See der Schöpfung» unter dem Namen Sadie Smith eine ökologische Kommune namens Le Moulin im Süden Frankreichs, die verdächtigt wird, Sabotageakte zu planen. Sadie soll die Kommunarden auskundschaften – und sie zu einer Gewalttat anstiften, sollten sie nicht von selbst daraufkommen.

Der geistige Anführer der Kommune im neuen Buch von Rachel Kushner lebt zurückgezogen in einer Höhle. Einst war er ein Gefährte von Guy Debord, dem Mitbegründer der intellektuellen und künstlerischen Bewegung Situationistische Internationale. Nun füttert er aus der Höhle heraus seine Leute mit langen Ausführungen per E-Mail, die Sadie mitliest – und dank denen sie einiges über die Neandertaler erfährt. (Oder sind diese Exkurse verschlüsselte Handlungsanweisungen an seine Gefolgsleute?)

Sadies Motivation? Geld und wohl die Erkenntnis, dass sie gut darin ist, ihre Mitmenschen Dinge glauben zu lassen, die nicht sind. Sie scheint zu wissen, wie die Welt funktioniert – ohne sich von ihr beeindrucken zu lassen. Sadie ist hochprofessionell, vögelt auch leidenschaftslos einen Filmregisseur, um ihrem Ziel näherzukommen. Trotz (oder wegen?) ihrer moralischen Ambivalenz blicken wir fasziniert durch diese arrogant-distanzierten US-amerikanischen Augen auf Frankreich und Europa: «Je älter der Franzose und je ländlicher sein Wohnort, desto höher sitzt der Gürtel seiner Hose.»

«See der Schöpfung» und die moralische Geografie

In «See der Schöpfung» kommt vieles zusammen: das Gewicht der Geschichte, die Leichtigkeit des Moments – und das Gefühl, dass jede Entscheidung, sei sie auch noch so klein, ein politischer Akt ist. Und wir bekommen sogar einen Abstecher nach Schaffhausen (Sadie infiltriert eine linksautonome Zelle, die einen Anschlag auf ein tractor pulling event plant) sowie einen Cameo-Auftritt von Michel Houellebecq (mit der «sexuellen Energie einer Grossmutter mit Knochendichteproblemen»).

Rachel Kushner schreibt Bücher, die so tun, als wären sie Romane, dabei sind sie vielmehr präzise Maschinen zur Erkundung unserer moralischen Geografie. Man legt «See der Schöpfung» nicht aus der Hand und denkt: «Aha, jetzt habe ich etwas verstanden.» Man legt es aus der Hand und denkt: «Irgendetwas ist da passiert.» Man spürt, dass sich im Inneren etwas verschoben hat. Nur ein bisschen. Aber merklich.