Das Ding mit Küng: Der Wolframwürfel oder die Schönheit an sich
Die meisten Würfel, die wir kennen, sind Betrug. Schinkenwürfel? Nur selten präzis, schon gar nicht scharfkantig. Spielwürfel? Runde Ecken. Suppenwürfel? Mogelpackungen, da meist quaderförmig. Eiswürfel? Keine Ausdauer. Würfelquallen? Giftig. Rubik’s Cube? Verursacht Kopfschmerzen!
Wer die Schönheit eines wahren Würfels erfahren will, die glatte Makellosigkeit und glänzende Perfektion der sechs Flächen, der acht Ecken, der zwölf Kanten, die oder der muss zu Metall greifen. Zu Wolfram. Kaum ein Metall ist härter und dichter, keines besitzt einen höheren Schmelzpunkt. Ein Würfel aus Wolfram ist irdische Schönheit in ihrer konkretesten und verdichtetsten Form.
Früher wurden einem die Wunder der Natur im Schulunterricht serviert, in Vitrinen etwa lagen die Dinge, aus denen unsere Welt besteht: ausgestopfte Mäusebussarde, bizarre Steine, auch Metalle. Aber wer ausser der Lehrerschaft hat dem Zeugs Beachtung geschenkt? Heute ist die Schule fürs Leben das Internet. Tiktoker und Livestreamer erklären ihren Followern die Welt. Für Wolfram, so könnte man meinen, würde sich wohl kaum jemand interessieren. Doch das Internet hat das faszinierende Material entdeckt, insbesondere der Streamer und Youtuber Ludwig Ahgren (3,37 Millionen Follower) hat Verdienst am Wolfram-Fame, nachdem er sich einen Würfel angeschafft hatte, um sein Zimmer zu dekorieren.
Im Englischen übrigens heisst Wolfram tungsten. Dieser Name stammt aus dem Schwedischen (tung sten = schwerer Stein), allerdings wird Wolfram dort Volfram genannt. Wie dem auch sei: Ludwig Ahgren machte seinen Tungsten Cube zum Protagonisten von Filmchen und gab ihm auch einen Kosenamen (Cubert). In einem seiner Videos liess er ihn aus einer Mischung aus Spass am Zerstören, jugendlicher Neugier und monetär lohnender Blödheit auf einen Tesla fallen.
Die öffentlich zur Schau gestellte Zerstörung von Tesla ist ja gerade sehr in Mode (ein weiteres Beispiel: Der achtundneunzigjährige Kriegsveteran Ken Turner, der mit einem alten M4 Sherman-Panzer einen Tesla plattrollt, um den Kampf gegen den Faschismus wieder aufzunehmen). Ludwigs Cubert machte seine Sache gut: Er durchschlug das Dach des Tesla glatt. Der Würfel kam auf dem Beifahrersitz zu liegen, und zwar so, wie er zuvor gewesen war: makellos.
Wolfram ist hart, es ist schwer und wird wegen seines hohen Schmelzpunktes ganz profan als Glühwendel bei Lampen verwendet, wegen seiner hohen Dichte hat es aber auch in der Waffenindustrie Bedeutung. Das Schwermetall kommt etwa bei der 120mm-Wuchtmunition KE2020Neo für moderne Kampfpanzer wie den M1 Abrams, den Leopard 2 oder den Challenger 3 zum Einsatz, welche von der Rüstungsschmiede Rheinmetall AG (Aktienkurs in den letzten fünf Jahren + 2444 Prozent) gefertigt wird. Auch bei Goldfälschern ist Wolfram beliebt, denn das spezifische Gewicht ist mit jenem des Edelmetalls beinahe identisch, der Kilopreis jedoch dramatisch tiefer.
Der Würfel aus reinem Wolfram dient mir derzeit als Bürotischschmuck. Dann und wann hebe ich ihn hoch. Das Gefühl ist immer wieder verblüffend: so klein und doch so schwer.
Es ist, als spürte ich das Gewicht der Welt, auf der wir leben, oder jenes des ganzen Universums.