• April 2026

Das Ding mit Küng: Halswärmer: Unser Autor, ein Basel-Fan, hat sich in einen Fussballschal des Preston North End FC verliebt

Das Schönste am Frühling? Dass der Winter endlich vorbei ist! Denn der verdammte Winter, mit seiner Kälte und dem Pflotsch und den dunkelkurzen Tagen ist die dümmste und nichtsnutzigste und traurigste aller vier Jahreszeiten. Das einzig Gute am Winter ist, dass man gute Gründe hat, Schals zu tragen. Dicke Schals aus Wolle oder Viskose oder was auch immer. Zum Beispiel Schals von Fussballclubs, die man an Matches kaufte, um sich später an diese zu erinnern.

So hatte ich in dem eben hinter mich gebrachten Winter ein sehr warmes und inniges Verhältnis zu einem Schal mit einem jungen Schaf drauf, genauer ist es das Lamm Gottes – das Wappentier einer Stadt im Nordwesten des Vereinigten Königreichs, in der Grafschaft Lancashire. Der Name der Stadt ist Preston. Dort ist der Fussballclub Preston North End F.C. zu Hause, auch «The Invincibles» genannt, die Unbesiegbaren, da man in der allerersten Saison der englischen Football League gleich den Meistertitel holte – und zwar ohne eine einzige Niederlage zu kassieren. Aber das ist lange her, genauer sind seither 137 Jahre vergangen. Zurzeit spielt man in der zweithöchsten Liga («Championship») – und zwar mässig erfolgreich. Doch Erfolglosigkeit rührte schon immer mein Fussballherz (als genetisch bedingter Basel-Fan komme ich diesbezüglich ja auch hier voll auf meine Kosten).

Das Fussball-Spiel ist egal

Nun, von Preston hatte ich im Leben noch nie gehört – bis zwei Freunde mich dorthin schleppten, um in einem der ältesten Stadien der Welt namens Deepdale ein Fussballspiel zu schauen. Wie der Gegner hiess? Vergessen. Das Resultat? Unwichtig. Das Spiel? Nicht erinnerungswürdig. Denn die neunzig Minuten auf dem Rasen waren bloss der Grund für das Davor und das Danach sowie das Drumherum. Das eigentliche Erlebnis bestand darin, die gemeinsame Reise zu unternehmen – und an einem unbekannten Ort zu landen, wo man sogleich durstig in einen Pub gerät, der Army & Navy heisst. Ein Pub, der wohl mit Bestimmtheit die klebrigsten Tische im ganzen Königreich aufweist und dessen olfaktorisch eindrückliche Toilette aussieht wie das Set für den Film «Trainspotting». Ein Traum von einem Pub!

Dass man weiter in der fremden Stadt rumstolpert und lernt, dass der Fluss River Ribble heisst, die Knetfiguren Wallace & Gromit dort zur Welt kamen (respektive deren Schöpfer Nick Park) oder man auf dem Markt regionale Trouvaillen für das heimische Käse-Museum findet. Und man plötzlich vor einem ganz und gar eindrücklichen Gebäude steht, das alt und futuristisch zugleich aussieht: der Busbahnhof. 170 Meter lang und eines der wunderbarsten Beispiele für britischen Brutalismus (bei seiner Einweihung 1969 war Prestons Busbahnhof übrigens der grösste Europas). Oder man sitzt in einem kleinen gemütlichen Restaurant namens Aven zum Mittagessen und darf in vier Gängen erfahren, dass man bis dahin noch nie so gut gegessen hatte (und dies zu einem für die Qualität des Aufgetischten brutal vernünftigen Preis). Die Karottentarte mit Sanddorn und Wachholder etwa!

An diese Tarte und alles andere muss ich denken, wenn ich den Schal von Preston North End F.C. mit dem Lamm drauf um den Hals schlinge. Der Schal, der zusammen mit seinen Artgenossen aus Burnley und Como und anderen Orten bald in die verdiente Sommerpause darf. Ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Winter!

Foto: Julia Ishac