Das Ding mit Küng: Der Plattenspieler: Nostalgischer Kabelstrang in die Jugend
Dann und wann ertappe ich mich dabei, wie ich spät nachts am Computer sitze – müde vom Tag, aber noch nicht müde genug für die Bettstatt – und Stereoanlagen google.
Ich hocke am Küchentisch und schaue mir im Netz Verstärker, Plattenspieler und Lautsprecher an. Das ist natürlich kompletter Schwachsinn, da ganz und gar unnötig, denn ich besitze bereits eine Stereoanlage, welche meine diesbezüglichen Bedürfnisse vollumfänglich abdeckt.
Zudem habe ich seit dem Kauf dieser Anlage auch gar kein Geld mehr, um mir etwas Neues zu kaufen, das ich gar nicht brauche. Trotzdem schaue ich mir die Bilder all dieser Geräte an, metallene Kisten, kiloschwer, mit Lüftungsschlitzen und Leuchtdioden und Tasten, Schaltern, Knöpfen, Hebeln dran.
Ich weiss dann jeweils, dass etwas mit mir nicht stimmt. Sich Stereoanlagen im Netz anzusehen, ist eine Art Frühwarnsystem für seelische Dysbalance, wahrscheinlich resultierend aus einer Disharmonie mit der Welt, in der wir leben.
Stereoanlagen sind für mich Verbindungen zu meiner Kindheit und Jugend, ein nostalgischer Kabelstrang in jene Zeit, als man noch materielle Träume besass, denen man völlig losgelöst von jeglicher relativierenden Vernunft oder dämpfender Umstände wie der Realität nachhängen konnte. Bekanntlich ist Nostalgie ein starkes Schmerzmittel gegen die Gegenwartskrankheit; und in Kombination mit Konsum potenziert sich die Wirkung dieser Medizin.
Andererseits zeugt das zu nächtlichen Stunden aufkeimende Interesse an Stereoanlagen aber auch von einer Sehnsucht, sich mit der Welt zu versöhnen, mit ihr zu interagieren. Denn die Welt, die uns umgibt, von der wir umzingelt sind, wird stetig technologischer, kälter, digitaler, abstrakter, wohl auch unmenschlicher und gefühlloser.
Der Mensch ist ein multisensorisches Wesen. Er will seine Hände mit den Fingern dran auch für andere Dinge gebrauchen, als auf dem Computer Tasten zu drücken. Deshalb tragen Menschen noch immer analoge Armbanduhren. Deshalb wollen sie Kolbenkaffeemaschinen. Deshalb ist das Kleinschneiden einer Zwiebel beim Kochen heilsam. Man fühlt und spürt, hört und riecht. Und deshalb studiere ich eben an Stereoanlagen rum, an Geräten und Instrumenten, die als verbindliche Verbindungsglieder zu der immer virtueller werdenden Welt der Technologie fungieren.
Ich denke, es geht darum, so etwas wie Kontrolle zurückzuerlangen – wenigstens ein Stück weit.
Knöpfe. Kippschalter. Rastende Drehregler. Ich will berühren und drücken und die elektromechanischen Relais im Kabelgedärm meines Verstärkers (vom norwegischen Hersteller mit dem schönen Namen Hegel, Modell H190) klicken hören. Ich möchte – wenigstens dann und wann – keinen digitalen Spotify-Endlos-Streaming-Ausfluss aus einem Bluetooth-Speaker, sondern Schallplatten, die einen Anfang und ein Ende haben; und die ich in einem Laden kaufte, wo ein Mensch hinter der Theke steht. Zum Beispiel das neue Album von Pulp, es heisst «More» und hat meine Erwartungen mehr als erfüllt (oder gewisse Befürchtungen entkräftet, schliesslich ist es das erste Studioalbum der Band nach vierundzwanzigjähriger Pause).
Platte auf den Teller. Tonarm hoch. Nadel in die Rille. Drehregler volle Pulle. Und schon dröhnt die Medizin rein.
Foto: Julia Ishac