• März 2025

Das Ding mit Küng: Ein ADHS-Medikament oder Die Pille für den Mann

Wer bin ich – und wenn ja, wieso? Weshalb? Warum? Auf diese Frage hatte ich lange keine Antwort. Ich wusste, dass ich irgendwie nicht normal war, aber hey: Wer bitte schön will normal sein?

Leider waren die Abweichungen von der Norm mit gewissen Problemen verbunden. Ich bekam einfache und alltägliche Dinge nicht auf die Reihe. Bücher in die Bibliothek zurückbringen? Vergessen. Drei Minuten am Stück über eine Sache nachdenken? Langweilig! Noten in der Schule? Na ja. War nie wirklich teamfähig. Fühlte mich in Mengen von mehr als fünf Menschen unwohl. Die Beine unter dem Tisch: dann und wann wie die Kolben eines hochtourigen Zweizylindermotors. Rechnungen fristgerecht bezahlen? Schwierig.

Aber mit der Zeit lernte ich, damit umzugehen, entwickelte Strategien. Mied Menschenmassen. Schrieb toilettenpapierrollenlange To-do-Listen. Suchte mir nach diversen Holzwegen einen Beruf, in dem Sprunghaftigkeit auch von Vorteil sein konnte. Und ich fand eine Form der Selbsttherapie: Fahrradfahren. Dabei lernte ich, zu etappieren, etwas Grosses in kleine Portionen zu unterteilen, ein Ding nach dem anderen zu erledigen. Ein Grund auch, weshalb ich dem Velo so dankbar bin. Und ich wandte eine Form von «Bio-Ritalin» an: So früh am Morgen am Bürotisch zu sitzen, dass das Gehirn nicht merkt, wie ihm geschieht – und folglich nicht checkt, dass es tausend interessantere Dinge gibt als die Arbeit, in welche ich es hineingemogelt hatte.

Nun aber ist das berufliche Umfeld so tough geworden, darob der Leidensdruck derart gestiegen, dass ich mich gezwungen sah, Massnahmen zu ergreifen, um besser zu funktionieren und damit meinen Lebensunterhalt zu sichern: Ich habe mich abklären lassen. Das Ergebnis war wenig überraschend: Adultes ADHS. Jetzt erhalte ich ein Stimulans namens Focalin®, welches mir hilft, mich besser zu konzentrieren. Und es funktioniert. Sehr gut sogar.

Wer wäre ich heute wohl, hätte man in der Jugendzeit erkannt, was mein Problem ist?

Interessant: Für kreative Prozesse ist Focalin® eher hinderlich. Zwar kann mein Gehirn besser fokussieren, doch habe ich keine konkrete Idee, an der ich herumstudieren kann, weiss auch nicht, auf was ich mich fokussieren soll. Man konzentriert sich also auf nichts – dies jedoch stark und ausdauernd. Habe ich hingegen einen Gedanken an der Angel, kann ich diesen verfolgen, ohne alle fünf Sekunden an andere Dinge denken zu müssen. Dies ist äusserst hilfreich. Vor allem, wenn man ein Buch schreiben will.

Ein Problem: Über längere Zeit war Focalin® nicht lieferbar. Die Herstellerin schrieb auf Nachfrage: «Wir beobachten seit einigen Jahren eine gesteigerte Nachfrage bei Focalin® XR. Zu den Gründen des Nachfrageanstiegs haben wir keine konkreten Anhaltspunkte und wollen nicht spekulieren.» Doch ich fand eine Apotheke an einem Ort, den ich nicht verrate, in einem Tal, eine knappe ÖV-Stunde entfernt, in dem es scheinbar kaum ADHS gibt, jedenfalls bunkern die noch jede Menge Dexmethylphenidat – gut zu wissen.

Dann und wann denke ich: Wer wäre ich heute wohl, hätte man in der Jugendzeit erkannt, was mein Problem ist? Es hätte mir sicher einiges an Leid und an Problemen erspart. Wäre ich dennoch der gleiche Mensch am gleichen Punkt im Leben wie heute? Oder hätte ich es zu meinem Kindheitstraumberuf geschafft und wäre nun Bankdirektor?

Foto: Julia Ishac