• Dezember 2025

Das Ding mit Küng: Duschgel: Die Franzosen riechen nach Cola-Fläschli-Duft. Unser Autor nun auch

Die Ortschaft Corre im Osten Frankreichs ist nicht eben gross; es leben bloss 596 Menschen dort, Sehenswürdigkeiten sind rar. Aber, so klein Corre sein mag, es gibt einen Supermarkt der Intermarché-Kette. Und als ich ihn betrat, war es, als besuchte ich ein Museum – und zwar ein richtig gutes Museum! Es ist allgemein empfehlenswert, in fremden Ländern die Läden aufzusuchen, um das Sortiment zu studieren und so das Verständnis für die dortige Kultur zu vertiefen.

Also beschnupperte ich im Intermarché die Käse der Region, befühlte die Würste aus dem nahen Elsass, besah die Biere, die in praktischen 30er-Kartons angeboten wurden – dann kam ich zum Regal mit den Duschmitteln. Das Angebot dort war enorm! Vor allem die französische Marke Dop hatte es mir sogleich angetan. Man weiss: Die Französinnen und Franzosen sind stolz auf ihre vielen Regionen.

Frankreich riecht sich gerne selbst

Folglich ist es nur logisch, dass es eine Dop-Regio-Reihe gibt, um die Sehnsüchte nach diesen Regionen unter der Dusche zu stillen, etwa mit dem Duft von Beeren aus dem Rhonetal («à la Framboise de la Vallée du Rhône»), Früchten aus Korsika («à la Clémentine de Corse») oder Gewürz aus einem Überseegebiet («à la Vanille Douce de Polynésie»). Doch die zum weitverzweigten L’Oréal-Konzern gehörende Firma hat noch mehr im Programm – viel mehr!

Im Regal sah ich Duschmittel, das nach Zuckerwatte riecht («barbe à papa»), solches, das nach Rahmtäfeli duftet, nach Schokoladencookies, nach der zähen Schleckerei «Carambar» (klassisch wie auch «Citron»), nach Haribo («Dragibus» sowie «Bananas») oder nach Pancakes mit Ahornsirup – Popcorn-Duft ist ebenso im Programm wie «Patachoc», ein Nutella-artiger Brotaufstrich.

Womöglich richten sich diese Duschmittel an junge Menschen, die zur Körperhygiene verlockt werden sollen, quasi als Anreizmittel in der Reinlichkeitserziehung. Und es gibt ja auch das alte Klischee, dass man es in Frankreich seit jeher nicht so genau nehme mit der Körperhygiene. Eine Stereotypisierung, die sich auch in der Wendung «sich französisch waschen» wiederfindet – was nichts anderes bedeutet als Parfüm aufzutragen, anstatt zu duschen. Selbstverständlich ist dies ganz und gar falsch! Eine Studie fand heraus, dass man in keinem anderen unserer Nachbarländer so oft in die Nasszelle steigt wie in Frankreich: 64% duschen dort täglich. In Deutschland sind es bloss 43 %. In der Schweiz immerhin 61 %.

Duschmittel als Portal in den Sommer

Lange stand ich vor dem Regal mit den Duschmitteln, liess mich von deren Vielfalt hypnotisieren – am liebsten hätte ich alle als Ferienbeute in die Heimat mitgenommen. Aber als Vernunftmensch wollte ich mich für einen Duft entscheiden. Also griff ich nach der Flasche mit Cola-Fläschchen drauf, roch daran. Zwar war ich physisch in jenem Moment im Supermarkt in der französischen Pampa, gedanklich aber sogleich im Strandbad vor vierzig Jahren in einem Sommer ohne Ende an einem Tag bei 37,2 Grad im Schatten. Cola-Gummi-Fläschchen! Als ich die Augen wieder öffnete, füllte ich meinen Einkaufswagen mit dem Duschmittel, und zwar bis zum oberen Rand der Zoll-Einfuhrgrenze.

Seit dem Supermarktmuseumsbesuch in Frankreich rieche ich nach Cola-Fläschchen und Strandbad und Sommer, und zwar an jedem Morgen, wenn ich aus der Dusche steige. Also mindestens einmal in der Woche.

Foto: Julia Ishac