• Mai 2025

Das Ding mit Küng: Meine geliebte Schreibmaschine

Irgendwann verlässt man die Kindheit, durchläuft die hormonell befeuerte Achterbahnfahrt namens Pubertät und wird erwachsen – oder zu dem, was man allgemein dafür hält. Man wählt einen Beruf, verdient seinen Lebensunterhalt, sichert seine Zukunft – das Spielen lässt man hinter sich und in der vergilbenden Vergangenheit zurück. Wenn es für diese Zeitenwende in der persönlichen Entwicklung ein Symbol gibt, dann ist es in meinem Fall ganz klar die Schreibmaschine.

Als KV-Lehrlinge wurden wir an elektrischen IBM-Kugelkopfmaschinen (Modell Selectric II) ausgebildet; noch heute schrecke ich nachts aus dem Schlaf, wenn ich mich im Traum daran erinnere, wie ich bei der KV-Abschlussprüfung auf der Tastatur um eine Reihe verrutschte – und deshalb im Fach «Schnellschreiben» die satte Note 1,5 kassierte. Doch die Schreibmaschine war eine wunderbare Erfindung: Wie schnell und mühelos man seine Gedanken zu Papier bringen konnte, die Fantasie gepeitscht vom Sound der auf das Papier gehämmerten Buchstaben. Sie hatte auch am heimischen Tisch ihren Platz: Privat besorgte ich mir als junger Mann mit hochtrabenden Berufswünschen (Schriftsteller!) auf dem Flohmarkt eine Hermes Baby, auf der ich die Gedichte tippte, die subito dem «Musenalp-Express» zugesandt wurden.

Heutige Generationen denken bei Hermes Baby sicherlich an schweineteure, kleinformatige Lederhandtaschen des Luxusherstellers Hermès, doch damals bezeichnete dieser Name eine geniale Reiseschreibmaschine des Schweizer Feinmechanikunternehmens Paillard SA, die auch von Ernest Hemingway oder Françoise Sagan benutzt und geliebt wurde. Ein Wunderwerk der Mechanik! Die Hermes Baby kam selbstverständlich mit, als ich daheim aus- und meine erste Wohnung bezog. Die Lego-Steine jedoch, mit denen ich in der Kindheit auf wunderbare Weise so viel Zeit verschwendet hatte, verschwanden in Kisten auf dem Estrich oder im Keller und wurden vergessen. Wer will schon spielen, wenn man auf eigenen Füssen stehend breitbeinig dem wahren Leben entgegentritt?

Erst durch die eigenen Kinder erinnerte ich mich wieder an die glücklichen Lego-Momente. Das ist wohl einer der grossen Vorzüge, wenn man Kinder hat: Man kann ihnen Lego schenken, dann aber selber damit bauen, etwa wenn die Kinder in der Schule sind, wo sie auf das Leben nach der Kindheit vorbereitet werden. Beispielsweise baue ich gerne Türme bis unter die Zimmerdecke, was einerseits sinnlos ist, andererseits auch sehr sinnvoll, vor allem aber sinnlich. Doch auch das Bauen eines fabrikneuen Sets nach Anleitung hat etwas zutiefst Befriedigendes. Und als ich das Lego-Set #21 327 «Typewriter» entdeckte, war es, als wären zwei Dinge in einem verschmolzen: die Kindheit und deren Verlust respektive das Erwachsenwerden. Also kaufte ich die Lego-Schachtel und baute das Ding aus 2079 kleinen und kleinsten Teilen zusammen, Schritt für Schritt, so langsam es ging.

Die Lego-Schreibmaschine ist jenem Modell nachempfunden, welches Ole Kirk Kristiansen, der Erfinder der Lego-Steine, auf seinem Schreibtisch stehen hatte. Selbstverständlich kann man damit weder Briefe noch Romane tippen – es ist ja bloss ein Spielzeug –, doch die Tastenmechanik funktioniert, der Walzenwagen wird transportiert; und das Beste ist der Sound, wenn man in die Tasten haut: wie echt.