Legendärer Uhrenhändler im Interview: «Lieber keine Uhr als die falsche»
Vierzehn Jahre ist es her, seit ich mich mit dem Uhrmacher Jim Gerber in seinem Ladengeschäft an der Zürcher Rämistrasse für ein Interview über alte Uhren unterhalten habe. Zeit also, um das Gespräch zu wiederholen. Im Laden scheint sich seit damals nichts verändert zu haben. Es ist, als wäre die Zeit stehen geblieben. Noch immer verströmt das kleine Geschäft mit seinen ausgewählten Möbeln und dem eleganten Innenausbau den diskreten Charme zeitloser Eleganz. Bloss die Uhren in den wandhohen Vitrinen sind andere Modelle als damals, doch schön sind sie noch immer alle, durchs Band.
So circa 122’724 Mal hat der Stundenzeiger seine Runde zurückgelegt, seit wir an diesem Ort über Uhren sprachen. Kurze Frage: Was ist in der Zwischenzeit geschehen?
Nun, ich bin mir sicher, dass eine Uhr, die damals lief, auch heute noch läuft. Das zeigt mir einfach die wunderbare Mechanik dieser Uhren, vor der ich noch immer grösste Ehrfurcht habe.
Absolut. Es gab richtiggehend einen Generationenwechsel. Viel mehr jüngere Menschen kommen in mein Geschäft. Das Interesse an alten Uhren hat allgemein stark zugenommen. Das spüre ich nicht nur hier, sondern man sieht es überall, wo man mit Vintage-Uhren handelt.
Ich schätze, das Interesse hat sich vervierfacht. Auch neue Märkte taten sich auf. Vor vierzehn Jahren gab es in Indonesien oder Malaysia kaum Uhrensammler. Heute ist der Markt dort riesig. In den USA interessierte sich früher kaum jemand für Vintage-Uhren, die wollten bloss Neuware. Wir Händler flogen rüber, um uns dort damit einzudecken. Heute kommen die Amis zu uns, um sie wieder zurückzukaufen.
Die Digitalisierung schreitet im Stechschritt voran, Smartwatches können tausend Dinge, und man bekommt sie auch in Luxusvarianten, etwa die Apple Watch von Hermès. Gibt es in ihren Augen eine schöne Smartwatch?
Ich hatte kürzlich das erste Mal in meinem Leben eine Apple Watch in den Fingern, die von meinem Schwiegervater; der suchte eine Lösung für einen Notfallknopf, da kam er auf die Apple Watch. Ein durchaus faszinierendes Ding – aber sie hat nichts mit einer Armbanduhr im herkömmlichen Sinn zu tun. Sie ist ein tool, ein Werkzeug: Wie viele Schritte legte ich zurück, wie ist mein Blutdruck, wie war mein Schlaf? Auf all diese Fragen weiss die Apple Watch eine Antwort. Und sie zeigt auch die exakte Zeit. Aber schön ist sie nicht.
Eine aus meinem Sortiment, eine Patek Philippe von 1945. Aber das ist nicht meine persönliche Uhr. Ich könnte mir die ja gar nicht leisten.
Damals kamen Sie gerade aus den Ferien und trugen eine alte Rolex Daytona, Sie bezeichneten sie als ihre «Ferienuhr». Ist sie noch immer ihre Ferienuhr?
Nein. Ich musste sie gehen lassen. Diese Uhr wurde so wertvoll, dass ich damit nicht mehr guten Gewissens auf Reisen gehen mochte.
Tut es ihnen eigentlich weh, wenn sie eine Uhr verkaufen?
Ich habe keinerlei Probleme damit, mich von meinen Uhren zu trennen. Ich bin diesbezüglich wohl ein bisschen Buddhist. Aber ich gebe die Uhr nicht jedem. Die Uhr muss zur Käuferin oder zum Käufer passen. Sonst behalte ich sie lieber und warte, bis jemand kommt, zu der oder dem sie besser passt.
Das passiert sehr, sehr selten und ist meistens eine nonverbale Angelegenheit. Aber ich kann dann auch sehr direkt und ehrlich sein. Ich hatte auch schon einen Interessenten, der richtig stinkig wurde. Er hinterliess dann eine schlechte Bewertung online.
Eine jede Uhr ist speziell und hat ihre Geschichte. Sie ist nicht nur Schmuck und zeigt die Zeit an, sondern erzählt auch eine Geschichte über die Zeit, denn nicht selten war oder ist sie Teil einer Biografie.
Ich kenne viele normale Menschen, die besitzen gar keine Uhr. Und andere, die haben hundert Uhren – und sind trotzdem normal. Aber ich sag es mal so: Mit einer sportlichen Rolex und einer klassisch eleganten Patek Philippe ist man für alle Situationen bestens gerüstet.
Zwei Stück. Eine Fortis Marinemaster und eine Patek Philippe Ellipse. Allerdings habe ich zwei Söhne, der eine davon macht gerade eine Ausbildung zum Uhrmacher. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine meiner Uhren zu einer seiner Uhren wird. Da ist ja auch mit das Schöne daran: dass man etwas weitergeben kann. Dass die Uhr uns überdauert.
Das ist voll okay. Grundsätzlich gilt für mich: lieber keine Uhr als die falsche Uhr. Aber das Bewusstsein für schöne alte Uhren hat sich eindeutig erweitert.
Wie viel Geld muss man denn für eine gute Vintage-Uhr ausgeben?
Für dreitausend Franken bekommt man noch immer eine tolle Omega aus den Sechzigerjahren. Aber meist sind die Uhren, die man wirklich möchte, dann doch etwas teurer.
[Zum Beispiel diese hier…]
Billig kaufen ist nicht immer günstiger. Der Zustand ist das A und O. Man muss dabei bedenken: Bei der Uhr gibt es ein Aussen und ein Innen. Das Aussen kann jede und jeder einigermassen beurteilen, für das Innenleben hingegen vertraut man besser einem Fachmann. Eine Uhr braucht nach fünf, sechs Jahren einen Service. Das ist nicht anders als beim Velo oder beim Auto. Das Auto fährt man ja auch nicht, bis es irgendwann einfach stehen bleibt, sondern schickt es in den Service. Dies sollte bei einer Uhr nicht anders sein.
Nun ja, achthundert Franken ist nicht so viel, wenn man bedenkt, wie viel Arbeitszeit für eine fachgerechte Revision nötig ist. Da werden auch schnell einmal zweitausend Franken fällig, die jedoch ganz und gar angebracht sind. Es ist ein Investment, welches sich schlussendlich ausbezahlt.
Manche alten Uhren sehen äusserlich ja ziemlich runtergekommen aus, haben zerkratzte Plexigläser, die Zifferblätter sind abgeschossen, trotzdem aber sind sie teurer als neuere Modelle. Weshalb?
(Jim Gerber steht auf, geht zur Uhrenvitrine, drückt einen Knopf, lautlos gleitet die Glasschiebewand zur Seite. Er nimmt eine Rolex Explorer aus der Vitrine, ein Modell aus den Neunzigerjahren, das Zifferblatt nicht mehr weiss wie einst.) Die Patina gibt Auskunft über die Originalität im Sinne der Echtheit einer Uhr. Bei dieser Rolex etwa nennt man die altersbedingte Verfärbung des Zifferblatts «panna», weil sie an die Farbe von Rahm erinnert. Und diese Verfärbung verdoppelt den Wert. Denn man möchte eine Uhr möglichst in einem Originalzustand.
In einem Managermagazin habe ich gelesen, dass seit 2022 die Preise für gebrauchte Uhren regelrecht eingebrochen sind. Laut dem Watchcharts-Index, der Transaktionen der Top zehn Luxusuhrenmarken analysiert, sackte der Sekundärmarkt innerhalb eines Jahres um zwölf Prozent ab.
Das betrifft den Sekundärmarkt für neuere Uhren, bei denen gewisse Händler und Spekulanten die Preise in die Höhe trieben. Dabei ging es vor allem darum, schnell ein bisschen Geld zu verdienen – es macht ihnen vielleicht mehr Spass, mit schönen Uhren zu spekulieren als mit virtuellen Bitcoins. Dass diesbezüglich eine Bereinigung eintritt, finde ich nur gesund.
Die Göttikindfrage: Welche Uhr für das Patenkind? Zwar reimt sich Patek Philippe fast auf Patenkind, aber die ist wohl für die meisten etwas kostspielig. Damals empfahlen sie eine Rolex Air-King für Buben, eine goldene Rolex für Mädchen.
Immer noch eine gute Wahl – wenn man es sich leisten und sich mit dem Image auseinandersetzen mag. Eine Rolex ist eine super Uhr, sie ist robust, sie ist schön. Ein wahrer Klassiker eben. Aber vielleicht ist das Image doch nicht jedermanns Sache. Denn Rolex war immer auch die Uhr der Erfolgreichen, die zu ihrem Erfolg stehen
Die Beziehung zu Gold hat sich ziemlich verändert, man sieht es heute gelassener. So wie sich Farben in der Mode verändern, verändern sich auch die Geschmäcker Materialien gegenüber. Gold muss ja auch überhaupt nicht protzig daherkommen, sondern kann sehr elegant wirken. Kommt eben ganz auf die Uhr drauf an.
Stabil. Das Erfolgsgeheimnis von Rolex ist der extrem starke Wiedererkennungswert, denn sie besitzt immer dasselbe Gehäuse. Dieses gibt es zwar in verschiedenen Grössen, Materialien und, wenn es sein muss, auch mit Saphiren und Rubinen verziert, aber im Kern ist es doch immer dieselbe Uhr. Zudem ist Rolex emotional stark aufgeladen, man verbindet damit so viele Bilder und Storys. Peter Fonda in «Easy Rider» trug eine Rolex, James Bond aber auch.
Hat sich sehr gut entwickelt. Der Brand hat enorm von der eigenen Geschichte profitiert, besonders von der Royal Oak. Und sie haben unlängst eine wunderbare Boutique an der Bahnhofstrasse eröffnet.
Patek Philippe? Dieser Hersteller hat ja ein neues Modell auf den Markt gebracht, die Cubitus, eine quadratische Uhr, die erste Novität seit einer gefühlten Ewigkeit.
Das neue Modell find ich richtig gut! Es ist ein Zeitzeichen, wenn Patek ein solches Modell lanciert.
Manche sind aber etwas erschrocken, denn die Form ist … sagen wir mal: gewöhungsbedürftig.
Als Audemars die Royal Oak rausbrachte, hat man auch geschnödet. Heute ist sie legendär. Ich denke, bei Patek Philippe weiss man, was man tut. Und es gilt noch immer: In einer Patek Philippe steckt die höchste Energie. Die spürt man einfach. Es sind die Farben, die Materialien, alles wird sehr aufwendig und detailliert gefertigt. Kurz: Es steckt einfach am meisten Arbeit darin. Und das Resultat ist absolut harmonisch und perfekt.
Als ich sie damals nach ihrer Traumuhr fragte, nannten sie das Modell 2482 mit einem Palmenlandschaftszifferblatt von Patek Philippe aus dem Jahr 1951. Konnten sie sich ihren Traum in der Zwischenzeit erfüllen?
Nein, dieser Traum ist heute noch viel weiter weg als damals. Einst nahm ich mir ja vor, sie zu besitzen, wenn ich fünfzig Jahre alt bin. Damals kostete sie noch 40’000 Franken. Heute wäre sie wohl Millionen wert, käme überhaupt einmal eine auf den Markt. Aber ich wurde fünfzig, dann noch ein bisschen älter, und kann sagen: Ich lebe sehr gut auch ohne sie. Ausserdem: Unerfüllte Träume sind schön, denn man kann sie weiter träumen. Am Wochenende etwa war ich in Bayern, wo ich herkomme, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, und als ich frühmorgens mit unserem Hund Sissi über die Felder spazierte, kam mir ein Jugendtraum in den Sinn, nämlich mit einer alten Yamaha DT360 über die Feldwege zu heizen, so wie Steve McQueen. Hat mir gutgetan, daran zu denken.
Von den neueren Uhren ganz klar Tudor. Wie diese Marke aus dem Dornröschenschlaf geholt wurde, ist vorbildlich. Die haben selbstverständlich auch eine reiche Historie – und diese wunderbar in die Gegenwart übersetzt. Da bekommt man sehr viel Uhr für relativ wenig Geld. Ich hab mir übrigens auch eine gekauft, eine schwarze Black Bay aus Keramik. Eigentlich wollte ich sie meinem älteren Sohn schenken, zur bestandenen Lehrabschlussprüfung. Aber er hat dann doch lieber eine Rolex genommen.
(Jim Gerber holt nochmals eine Uhr aus der Vitrine. Legt sie auf den Tisch. Auf den ersten Blick könnte man sagen, sie sei langweilig. So würde ein Kind eine Uhr zeichnen. Doch man ahnt: Die Schönheit liegt im Detail und erschliesst sich einem wohl erst mit der Zeit.) Auch hier gilt noch immer: Eine Patek Philippe mit drei Zeigern und sonst nichts. Das ist Understatement pur. Aber generell gilt: Eine Uhr muss zur Persönlichkeit des Menschen passen, der sie trägt.
Wenn man sich eine kleine Sammlung zulegen möchte, welche fünf Uhren gehören unbedingt dazu? Damals sagten sie: eine Jaeger Reverso, eine Bulova Accutron, eine Jaeger Memovox, eine Omega Speedmaster und eine Royal Oak.
Daran hat sich nichts verändert. Die Bulova Accutron ist noch immer eine meiner absoluten Lieblingsuhren. Mein Lehrmeister trug so eine, die war damals richtig teuer – und besitzt ein wirklich faszinierendes Werk.
Dieser Trend hat sich grösstenteils beruhigt, Gott sei Dank.
Diesbezüglich hat sich meine Einstellung nicht geändert: Ich beschäftige mich nach wie vor mit Schönheit. Hässlichkeit interessiert mich nicht.
Durchaus. Rolex hat Ende der Siebziger eine wunderbare Quarzuhr hergestellt, die Oysterquartz. Rolex hat das Thema Quarz auch äusserlich sehr gut umgesetzt, mit einem kantigen Gehäuse, welches die scharfe Form des Quarzes aufnimmt. Das Uhrwerk ist übrigens superkompliziert und das schönste Quarzwerk, das ich kenne. Auch von Patek Philippe gibt es Quarzuhren, die Beta etwa, oder von Omega. Alles tolle Uhren.
Es wird weitergehen. Das Interesse an alten Uhren wird anhalten, gar weiter zunehmen, denn auch die jüngere Generation hat einen Sinn für Ästhetik und Wertigkeit. Ich sehe es bei meinem Sohn, der die Uhrmacherschule besucht: Junge Menschen sind begeistert von der Thematik. Und die eingangs erwähnte Uhr, die vor vierzehn Jahren lief und heute noch läuft, die wird auch in weiteren vierzehn Jahren noch immer zuverlässig laufen. Da bin ich mir sicher.