Max Küng atmet tief durch: Nie wieder Zähneknirschen! So hilft ein Wackelkopf gegen Stress
Mit Schmerzen im Kiefer und nicht ohne Furcht in den restlichen Knochen lag ich auf dem Zahnarztstuhl. Schon stellte ich mir Spritzen mit langen Nadeln vor, hörte bereits den Schnelllaufbohrer hochtourig kreischen, sicher war im Gebiss alles voller Eiter. Aber der Zahnarzt lächelte sein Gandhi-Lächeln und fragte, ob ich Stress hätte.
«Stress? Oh ja!», sagte ich. Denn: Wer hat den nicht, angesichts der derzeitigen Weltlage und überhaupt? Er nickte wissend, sagte: «Eine Craniomandibuläre Dysfunktion durch Bruxismus. Die Dysbalance führt zu einer Myopathie, Arthropathie oder Myoarthropathie.»
Ich blickte ihn fragend an, er meinte, noch immer lächelnd: «Sie knirschen mit den Zähnen. Das ist weit verbreitet.» Und für die Nacht gäbe es dagegen die Knirschschiene, die man sich zwischen die Zähne schiebt – und tagsüber einen Trick. Ich solle auf dem Schreibtisch oder wo auch immer einen Gegenstand platzieren, der mich irritiere – und wenn ich ihn erblicke, solle ich mich daran erinnern, innezuhalten, die Augen zu schliessen und ein paar tiefe Atemzüge zu tun. So würde ich der inneren Anspannung entkommen, und die unbewusste körperliche Verkrampfung löse sich.
Noch im Zahnarztsessel liegend probierte ich die neue Methode: Augen zu! Drei tiefe Atemzüge! Und tatsächlich! Es war wie Instant-Wellness. Als ich die Augen wieder öffnete, war ich ein neuer Mensch.
Nun brauchte ich nur noch einen Gegenstand als Mikropausen-Trigger für mein Zuhause. Und da hüpfte der Hoptimist heran – ein Geschenk von lieben Freunden. Der hat nun den Job als Trott-Stopper. Und er bekam natürlich auch einen Namen. Er heisst Søren Kierkegaard. Dass er einen dänischen Namen trägt, kommt nicht von ungefähr, denn der Hoptimist hat seine Wurzeln im skandinavischen Königreich. Die Däninnen und Dänen hatten ja schon immer ein Händchen für Handwerk und Design.
Erfunden hat den Hoptimist ein dänischer Tischlermeister namens Hans Gustav Ehrenreich. 1968 kamen seine ersten Figuren auf den Markt, etwa der Frosch namens Kvak. Das Prinzip ist auch heute noch dasselbe: stabile Füsse und ein irgendwie lustiger Kopf, dazwischen eine Feder aus Metall, die den Kopf wippen lässt. Wir Menschen finden das lustig. Und es funktioniert!
Wenn ich meinen Alt-68er-Hoptimisten sehe, wie er mich gelb und voller Optimismus anblickt, erinnere ich mich sogleich: Stopp! Alltag anhalten! Zeit für einen inneren Spa-Besuch! Augen zu! Atmen! Ganz so, wie der Herr Doktor es geraten hat.
Von Zeit zu Zeit stoppe ich die Zeit, die Søren braucht, bis er wieder zur Ruhe kommt. Denn zu wissen, wie lange etwas dauert, ist immer gut. Ich nehme mein Handy, aktiviere die Stoppuhr und gebe Søren Kierkegaard eins auf den Deckel. Und er wippt los wie ein hyperaktiver Smiley, wild, als wäre er ausser sich vor Freude, seiner Bestimmung zu folgen. Dann beruhigt er sich langsam – unglaublich ausdauernd ist der kleine Kerl – und blickt dabei stets fröhlich drein (da er nicht anders kann). Bis er schliesslich nur noch fein auf und ab wippt – am Ende sind es nur noch von Auge kaum wahrnehmbare Mikrobewegungen.
Sieben Minuten, einundfünfzig Sekunden und vier Hundertstel benötigte Søren heute, bis er wieder stillstand. Danach ging mein Leben weiter wie zuvor. Aber doch ein wenig anders.
Foto: Julia Ishac