Das Ding mit Küng: Der Faustkeil – Liebe auf den ersten Griff
Es war Liebe auf den ersten Griff, denn das Ding liegt einfach supergut in der Hand – das sowohl schlichte wie auch ergonomische Design überzeugt. Erstanden habe ich das hochfunktionale Werkzeug nicht in einem der Baumärkte, in denen ich mich gerne halbtageweise herumtreibe, weil es dort all die Geräte und Maschinen gibt, die so nützlich ausschauen und deren Kauf verbunden ist mit dem Versprechen tiefer Befriedigung: Schlagbohrhämmer, Hochdruckreiniger, Lasermessgeräte. Dieses Ding ist ein Faustkeil.
Er wurde in Algerien gefunden, so versicherte mir der ausgesprochen seriös daherkommende belgische Händler auf der Messe Mineral & Gem. Die Mineral & Gem verwandelt einmal im Jahr seit 1963 die pittoreske elsässische Gemeinde Sainte-Marie-aux-Mines (4945 Einwohner) in das fünftägige Epizentrum der Mineralogie und Gemmologie.
In Sainte-Marie-aux-Mines bekommt man Amethysten, Rauchquarze oder Versteinertes aller Art – auch Koprolith (Stein gewordener Kot, zum Beispiel von Dinos, Kilopreis: 40 Euro). Und eben Faustkeile, aus dem frühen Acheuléen stammend, einer Kultur der Steinzeit, welche bevölkert war von unseren Vorfahren, etwa dem Homo erectus.
Die Vorstellung, dass jemand diesen Faustkeil mit seiner behaarten, affigen Pranke in Form gebracht hat, damit sie oder er vor 950’000 Jahren ein Beutelratten-Tatar oder ein Engerling-Maden-Smoothie zubereiten konnte, hat durchaus etwas Faszinierendes – und es relativiert mein persönliches Empfinden von Zeit, denn für einen ungeduldigen Menschen ist es entspannend, an etwas zu denken, das vor 950’000 Jahren geschah.
Faustkeile verwendete man vor allem für eine entscheidende Sache: um die Knochen von Tierkadavern zu knacken. Denn damals gingen unsere Vorfahren noch nicht auf die Jagd, um grosse, fette Viecher wie das Wollnashorn oder den Riesenhirsch zu erlegen, sondern fanden sich schutzlos selber auf dem Speisezettel von Säbelzahntigern oder Höhlenbären.
Wir standen nicht wie heute an der Spitze der Nahrungskette, sondern dümpelten irgendwo im Mittelfeld. Die Erfindung des Faustkeils ermöglichte es uns, an das nahrhafte Mark in den Knochen zu gelangen, nachdem die Raubtiere alles andere aufgefressen hatten und abgezogen waren. In seinem Buch «Eine kurze Geschichte der Menschheit» beschreibt Yuval Noah Harari dieses in der Finsternis der Vergangenheit liegende Kapitel und deutet auf die Wichtigkeit des Faustkeils hin, welcher uns erlaubte, eine überaus effiziente Nische in der beschwerlichen Nahrungsbeschaffung zu finden. Wir hatten zwar nicht das Gebiss der Hyäne, um Knochen zu knacken, doch wir hatten die Fähigkeit, etwas zu erfinden, das uns dies ermöglichte. Der Faustkeil war ein Gamechanger. Und das Mark der Superfood.
Das steinerne Multitool ist mit der Grund dafür, dass wir Menschen heute sind, was wir sind.
Ich muss gestehen: In meinem Alltag findet der Faustkeil selten Verwendung. Zum Filetieren einer Orange gibt es heute Besseres. Auch die Haustür lässt sich mit einem Schlüssel einfacher öffnen. Und ich ziehe den Faustkeil weitaus seltener aus dem Hosensack als mein iPhone. Doch er hat einen entscheidenden Vorteil: Auch in weiteren 950’000 Jahren wird dieser Faustkeil noch immer existieren. Etwas, das ich von meinem iPhone eher nicht behaupten kann.

Foto: Julia Ishac