• Juni 2025

Max Küng über einen Tiktok-Trend: «Italian Brainrot» – bitte umgehend googlen

«Brain rot» war für den Oxford English Dictionary das Wort des Jahres 2024. Diese «Hirnfäule» beschreibt den Zustand des menschlichen Gehirns nach mehrstündigem Nonstop-Konsum von minderwertigen und gerne kurzformatigen Inhalten im Internet.

Alle Eltern, welche Kinder mit Handy-Extensions-Händen haben, sind mit diesem Zombie-Zustand sicherlich bestens vertraut. Nun mag das Internet eine gewaltige geistige Müllhalde sein, doch es ist nicht ohne Humor und Subversion. Um die grassierende Verblödung auf die Spitze zu treiben und ad absurdum zu führen, entstand eine hochkonzentrierte Form von Netz-Trash, quasi die Hors catégorie der hirntoten Inhalte, nämlich «Italian Brainrot».

Italian Brainrot – Internetphänomen greift um sich

Darunter versteht man eine auf Tiktok erscheinende und stets wachsende Anzahl KI-generierter surrealistisch anmutender Tierdarstellungen, welche mit unsinnigen Text-to-Speech-Audios vorgestellt werden und pseudoitalienische Namen tragen. «Tralalero Tralala»: ein Haifisch mit drei Beinen und Nike-Schuhen. «Bombardiro Crocodilo»: ein Krokodil mit Flugzeugleib. «Ballerina Cappuccina»: eine Ballettänzerin mit Kaffeetassenschädel (und die Ex-Frau von «Cappuccino Assassino»).

Diese Mischwesen sind KI-generierte Wiedergänger der Wolpertinger, jener Fabelwesen, welche hinterlistige Tierpräparatoren im 19. Jahrhundert aus Körperteilen verschiedener Tierarten zusammensetzten, um leichtgläubige Touristen abzuzocken (beispielsweise Hase mit Hirschgeweih).

Über den «Italian»-Aspekt des Internetphänomens kann man spekulieren. Einerseits bietet das Land einen reichen Fundus an Geschichte und Kultur (zum Beispiel Pizza). Andererseits behaupten manche ja, Italienisch sei die schönste Sprache, um mit Gott zu sprechen. Unklar, ob dies stimmt; sicher aber ist es eine beliebte Sprache, um gut klingende Ballaballa-Reime rauszuhauen, gerne auch in einem Mix mit Englischem. Dies hatte sich schon die Band Queen in ihrem Song «Bohemian Rhapsody» zunutze gemacht («Oh, mamma mia, mamma mia / Mamma mia, let me go»). Auch ausserhalb des Internets wuchert die putrefazione cerebrale, hat längst Teile des Alltags und der Populärkultur befallen, die Beliebtheit des ESC-Songs «Espresso Macchiato» von Tommy Cash ist Ausdruck dessen («Mi casa very grandioso / Mi money numeroso»).

Es winkt der Dadaismus

Eine Verwandtschaft von Italian Brainrot zum Dadaismus ist klar ersichtlich. Der Dadaismus war eine künstlerische Reaktion auf die Schrecken des Ersten Weltkriegs und eine Auflehnung gegen die Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft. Italian Brainrot in all seinen pizzafarbenen Schattierungen kann folglich als Reaktion auf die Schrecken des Internets gelesen werden – und aber auch als Provokation all jener, welche ebendieses Internet diesbezüglich kritisieren. Es ist Blödsinn ridotto al massimo – seiner hochtourigen und überwürzten Natur wegen aber klar mit baldigem Ablaufdatum versehen.

Und das Phänomen ist auch nicht ganz ohne irritierende Begleittöne, denn so kinderreim-harmlos die Italian-Brainrot-Verse daherkommen: Manche davon sind verwirrend bis verstörend, blasphemisch, rassistisch – am Ende ist es halt eben doch dem Internet entwachsen, dem dunkelsten Loch überhaupt.

Foto: Julia Ishac

PS: Kein Food-Waste! Die für die Fotoaufnahme verwendete Pizza wurde vollumfänglich verspeist.