Immer der Nasa nach: Auf zum Mond! Oder zum Mars! Oder wenigstens nach Houston
Als ich vernahm, dass eine kleine Gruppe von Menschen dazu auserwählt wurde, nach Houston, Texas, zu reisen, um die dort ansässige Raumfahrtbehörde Nasa und eine Unternehmung namens Axiom Space in einer bestimmten Mission zu besuchen, setzte ich alle Hebel in Bewegung, um mich ihr anzuschliessen.
Nun war es nicht so, dass diese Gruppe von auserwählten Erdlingen dazu auserkoren war, zum Mond oder gar zum Mars zu fliegen; man würde nicht einmal die Troposphäre verlassen, sondern schön auf dem Boden bleiben. Bei den Auserkorenen handelte es sich bloss um eine Handvoll Journalisten (und eine Journalistin), die von der Uhrenfirma Omega aus Biel eingeladen worden waren, um in Houston ein Jubiläum zu feiern, auf das wir später noch zu sprechen kommen.
Zudem wurde in Aussicht gestellt, einen echten Astronauten zu treffen, ihm die Hand zu schütteln und mit ihm zu sprechen – und zwar nicht irgendeinen der 723 Menschen, welche bis dato die Kármán-Linie überschritten hatten, also jene Grenze in hundert Kilometern Höhe, welche die Trennung von Luft- und Raumfahrt definiert.
Bei besagtem Astronauten würde es sich um Michael López-Alegría handeln – einen verdienten Helden der Raumfahrt: Kein anderer Mensch hat mehr Zeit auf Weltraumspaziergängen verbracht als er. Genauer waren es 67 Stunden und 41 Minuten, die er ausserhalb eines Raumfahrzeugs verbrachte. Im Weltraum war er insgesamt beinahe ein ganzes Jahr seines Lebens.
Selbstverständlich heissen Weltraumspaziergänge in der Fachsprache nicht Weltraumspaziergänge, es sind ja keine Vergnügungen, sondern wissenschaftliche Arbeitseinsätze. Man nennt sie «extravehicular activity», kurz EVA. In der Raumfahrt besitzt alles ein Akronym oder ein Kurzwort, auch Astronauten mit tendenziell komplizierten Namen, weshalb Michael López-Alegría einfach Mike L-A gerufen wird.
Auf dem Flug nach Houston las ich, dass Mike L-A schon als Kind Astronaut werden wollte. Das ist nicht weiter verwunderlich – dieser Traum steckte wohl in den meisten von uns. Oder tat dies zumindest so lange, bis man feststellen durfte, dass Kurzsichtigkeit, Übergewicht oder/und eine Null in Mathe und/oder Physik zu sein, allesamt Gründe sein konnten, warum man nie in eine Rakete steigen und in den Weltraum fliegen würde.
Doch das ist ja mit das Schöne an Träumen – dass man sie träumen kann, ohne sie leben zu müssen. Das Universum mit seinen Sternen und Monden, Kometen und Asteroiden und all den Dingen, von denen wir (noch) nichts wissen, der dunklen Materie, den Galaxien mit ihren Milliarden von Sonnen und Planeten, weissen Zwergen und schwarzen Löchern, Galaxien mit Namen wie Centaurus A oder NGC 1052-DF2 (eine ultradiffuse Zwerggalaxie im Sternbild Cetus): Man muss nachts nur den Kopf in den Nacken legen und hinaufblicken; sogleich weiss man, dass man nichts weiss – und dass die eigene Kleinheit unermesslich ist.
Nicht wenige werden ob dieser Himmelsratlosigkeit religiös. Und andere wollen mehr erfahren, erforschen, in das Unbekannte vorstossen! Der Weltraum ist ein All-you-can-think-Buffet technologischer, philosophischer, utopischer und existenzieller Fragestellungen.
Einmal in meinem Leben habe ich am Weltraum geschnuppert, habe die Troposphäre verlassen und bin in die untere Stratosphäre gelangt, in einem Flugzeug namens Concorde, dessen Reisehöhe 60’000 Fuss betrug (ein «normaler» Passagierjet fliegt in 33’000 bis 40’000 Fuss Höhe); man sah aus dem kleinen Fenster deutlich die Kugelkrümmung der Erde – und den beginnenden Weltraum, wie das Blau des Himmels in Dunkelheit überging. Dieser Farbverlauf war – man kann es nicht anders sagen – magisch.
Doch ich sass nun nicht in einer schnittigen Concorde und düste mit über Mach 2 gen Amerika, sondern in einer Boeing 787-10, Spitzname «Dreamliner» – einem Reisebus mit Flügeln dran, und der Blick aus dem Fenster zeigte nichts als blaue Einöde, sowohl unten wie oben. Aber auf dem kleinen Bildschirm des Inflight-Unterhaltungsprogramms lief ein Film mit George Clooney und Sandra Bullock: «Gravity». Ein Science-Fiction-Thriller, der vom Überleben zweier Astronauten nach einem katastrophalen Unfall im All handelt. Der perfekte Einstieg in die Materie!
In Houston angekommen, ging es in einem Kleinbus zur ersten Station unserer Mission: Axiom Space, ein privates Unternehmen, dem bei der Zukunft der Raumfahrt eine entscheidende Rolle zukommt. Axiom Space wurde von der Nasa mit der Entwicklung eines Raumanzugs für die Artemis-III-Mission beauftragt, deren Ziel es ist, nach über einem halben Jahrhundert wieder Menschen auf den Mond zu bringen.
Danach will man noch weiter: Auf dem Trabanten soll eine permanente Präsenz aufgebaut und der Weg für eine bemannte oder befraute Marsmission aufgegleist werden. Die Träume sind gross, die Pläne ehrgeizig – allerdings hinkt das Artemis-Programm dem Zeitplan hinterher.
Das Labor von Axiom Space ist ziemlich pragmatisch – ein Zweckbau. Und wir sehen einen Mann, der in einem Raumanzug steckt. Er versucht, mit einer kleinen, langstieligen Schaufel Gesteinsbrocken in ein Behältnis zu schaufeln. Die Bewegungen sind langsam. Es sieht supermühsam aus. Dereinst wird in einem solchen Anzug jemand über die Mondoberfläche hüpfen, in der Nähe des südlichen Mondpols – einem bisher unerforschten Gebiet, in dem man in dauerhaft schattigen Kratern Wassereis vermutet oder erhofft.
Aber eben: Der Mann im Raumanzug ist noch der Schwerkraft ausgesetzt; deshalb hängt er an einem Kran und wirkt ziemlich hilflos. Und selbstverständlich besitzt auch der Anzug ein Akronym: AxEMU – das liest sich einfacher als «Axiom Extravehicular Mobility Unit». Dass er ausgesprochen schnittig und schick anzusehen ist, ist kein Zufall: Er wird in Zusammenarbeit mit der italienischen Modemarke Prada entworfen und entwickelt.
Dann kommt er dahergeschritten: Mike L-A, «Chief Astronaut» bei Axiom Space. Krawattenloses Hemd unter der dunkelblauen Fliegerjacke, garniert mit Aufnähern absolvierter Missionen; auf dem einen Ärmel prangt die US-amerikanische Flagge, auf dem anderen jene Spaniens (ein Zeichen für Wurzelpatriotismus – er wurde in Madrid geboren).
Mike L-A wirkt kein bisschen älter als auf dem Foto, welches ich später auf einem der langen Flure des Mission Control Centers (MCC) der Nasa sehen werde – in einer Art Ahnengalerie mit allen Crews, die je im All gewesen waren. Jenes Foto wurde vor über zwanzig Jahren aufgenommen. Raumfahrtreisen, so scheint es, halten jung.
Mike L-A erläutert, was das AxEMU alles leisten muss, denn auf dem Mond ist es maximal garstig und fies, die Temperaturen schwanken zwischen plus 130 und minus 160 Grad Celsius, man ist einem ständigen Bombardement von Mikrometeoriten ausgesetzt. Zudem der Mondstaub: extrem scharfkantig und abrasiv, da er – anders als unser Erdenstaub – nicht durch Wind oder Wasser rundgeschliffen wird. Obendrein auch noch Strahlungen verschiedenster Art! Vor all dem muss ein Raumanzug schützen, den Menschen darin am Leben erhalten –und dies bei maximaler Beweglichkeit und minimalem Gewicht.
Technische Aspekte sind selbstverständlich superspannend, aber noch interessanter sind die Dinge, die Mike L-A selbst erfahren hat. Dinge, die man nicht in Zahlen ausdrücken, aber vielleicht beschreiben kann; etwa wie es sich anfühlt, im Weltall zu sein, oder wie es sich anhört. Also frage ich Mike L-A, ob es still sei dort draussen, wenn er in seinem Raumanzug stecke, ausserhalb der Raumfähre, an einem wie eine Nabelschnur dünnen Kabel hängend und treibend in der Schwerelosigkeit, umgeben von der endlosen Schwärze des Alls.
Mike L-A sagt, es gäbe Ruhe, aber keine Stille. Denn wenn wir nichts mehr hören, hören wir noch immer uns selbst: wie wir atmen und die Säfte im Inneren zirkulieren und wie das Herz das Blut in den Körperkreislauf pumpt.
«Und wenn es einen in der Nase juckt?» Auch dafür sei vorgesorgt, die Raumanzüge verfügten über ein sogenanntes «Valsalva Device», eine kleine Apparatur im Helm, mit der man den Druckausgleich im Mittelohr vornehmen kann – da man dazu ja nicht wie im Alltag seine Finger nehmen kann, um sich die Nase zuzuhalten, während man aus ihr hinauspustet. Mit dem Valsalva Device kann man auch problemlos allfälligem Nasenjuckreiz beikommen.
Begegnet man einem Menschen, der im Weltall war, wird man automatisch wieder zum wunderfitzigen Kind, das tausend Fragen hat. Gerne hätte ich mich mit ihm auch über das Essen im Weltraum unterhalten, denn er war es gewesen, der sein Lieblingsgericht Paella mit ins Weltall nahm – selbstverständlich in einer gefriergetrockneten und thermostabil verpackten Version.
Paella stand auch beim zweitletzten Flug von Mike L-A auf der Speisekarte, der Axiom-Mission-I, im April 2022, bei der drei Plätze an Weltraumtouristen verkauft wurden (die Reisekosten betrugen 55 Millionen pro Kopf). Aber eben: Für tausend Fragen fehlt schnell einmal die Zeit. Mike L-A hat noch anderes zu erledigen, doch ich solle ihm einfach die Fragen per Mail schicken, er würde sie gerne beantworten. Und er lächelt noch einmal für Erinnerungsfotos, posiert mit den Journalisten (und der einen Journalistin). Dann verschwindet Mike L-A wieder in den weiten Fluren der Axiom-Space-Labors.
Houston nennt sich nicht ohne Stolz «Space City», denn zwar nicht alles, aber vieles dreht sich um die Raumfahrt. Neben der nationalen Raumfahrtbehörde hat sich eine lebendige Industrie von Zuliefer- und Partnerfirmen angesiedelt – darunter auch Axiom Space.
Die Fahrt im Kleinbus zum Johnson Space Center der Nasa dauert denn auch nicht lange. War das Labor von Axiom Space pragmatisch, wird es nun dramatischer: Vor dem Eingang thront eine modifizierte Boeing 747, auf deren Rücken huckepack die Independence hockt – ein originalgetreuer Nachbau eines Space Shuttles. Eine Ikone, die klar macht: Hier lebt der nationale Traum der amerikanischen Raumfahrt.
Derzeit arbeiten auf dem Gelände an die 12’000 Menschen daran, diesen Traum weiter voranzubringen – oder zumindest aufrechtzuerhalten. Denn die Stimmung ist wenig euphorisch; die letzten Nachrichten sind für die Nasa und den Wirtschaftsstandort Houston nicht eben ermutigend.
Zwar hat die Regierung bekräftigt, wieder zum Mond und dann zum Mars zu wollen – vor allem bevor es die Chinesen tun, an deren diesbezüglichen Bestrebungen keinerlei Zweifel herrschen. Doch das Budget für 2026 sieht bei der Nasa massive Kürzungen vor, und die Belegschaft soll um einen Drittel reduziert werden.
Donald Trumps launische Politik ist für langfristiges Arbeiten ebenfalls nicht eben förderlich. Beispiel: Im letzten Jahr nominierte er den Tech-Milliardär und Musk-Kumpel Jared Isaacman als neuen Nasa-Chef. Auch Mike L-A unterstützte in einem offenen Schreiben zusammen mit 27 anderen ehemaligen Nasa-Astronauten dessen Nomination – alle waren glücklich, der rechte Mann für den wichtigen Job schien gefunden.
Doch Ende Mai dieses Jahres widerrief Trump seine Entscheidung – die «New York Times» schrieb, der Rückzieher hänge damit zusammen, dass Isaacman in der Vergangenheit Spenden an demokratische Abgeordnete getätigt haben soll. Aber Trump ist eben Trump und deshalb hat er seine Entscheidung ein zweites Mal über den Haufen geworfen und Jared Isaacman nun doch wieder zum Nasa-Chef ernannt.
Auch anderweitig hat Trump Spuren hinterlassen. Hiess es eben noch stolz, die erklärten Ziele seien, mit Artemis III erstmals eine Frau sowie eine Person of Color auf den Mond bringen, so wurden diese Formulierungen von der offiziellen Website entfernt. Ein Nasa-Sprecher erklärte, diese Korrektur sei im Einklang mit einem präsidialen Erlass geschehen, der die Behörden anwies, die Sprache in Bezug auf Diversität, Gerechtigkeit und Inklusion (DEI) zu überarbeiten.
Auf dem Gelände der Nasa riecht es mehr nach glorioser Vergangenheit denn nach einer solchen Zukunft. Vergilbende Fotos an den Wänden und menschenhohe Modelle von Raketen auf den Fluren erinnern an Zeiten, als die USA in der euphorischen Peak-Apollo-Phase bis zu 4,4 Prozent des Gesamthaushaltsbudgets für die Nasa ausgaben. Derzeit sind es noch 0,3 Prozent. Und eben: Der weitere finanzielle Sinkflug ist eingeleitet. Ganz im Gegensatz zu den Ausgaben des Kriegsministeriums, formerly known as Verteidigungsministerium: Dort sieht Trumps Haushaltsbudget für das nächste Jahr eine Steigerung um 13,4 Prozent vor.
Doch es gibt sie noch, die Gegenwart –und sie ist eine Arbeit an der Zukunft. Da ist etwa Jeremy Hansen. Ein kanadischer Astronaut, der für die Mission Artemis II auserkoren wurde (zu einem Zeitpunkt, als das Verhältnis der USA zu Kanada noch besser war). Er trainiert dafür, zusammen mit zwei Kollegen und einer Kollegin alsbald den Mond zu umrunden. Ursprünglich früher geplant, soll die Mission nun im April des nächsten Jahres stattfinden.
Hansen ist ein Baum von einem Mann. Knapp nur unterschreitet er die Astronauten-Maximalgrösse von 190,5 Zentimetern. Der Kanadier ist ein ehemaliger Kampfjetpilot, dem man dies noch immer ansieht, im kantigen Gesicht ein gewinnendes Lächeln und mit einer vertrauenserweckenden Aura versehen, die einem das sichere Gefühl vermittelt: Es gibt wohl keine Probleme, die er nicht lösen könnte.
Eben noch sass er im Simulator und wurde mit allen möglichen Fehlermeldungen aus dem System bombardiert, denn auch auf Weltraumreisen gilt: Vorbereitung ist alles. Nun nimmt er sich ein paar Minuten Zeit für die Gruppe, um die zehntägige Reise um den Mond zu erläutern. Auf einer Schautafel ist alles fein säuberlich grafisch dargestellt: vom Start über die Schlaufe um den Mond bis zum «Splashdown», der Landung im Pazifischen Ozean.
Der italienische Journalist – eigentlich für die Zeitschrift «Wired» tätig, diesmal aber für ein Männermode-Magazin unterwegs – fragt Hansen, was er seinen Kindern sagen werde, wenn er nicht für die Mission ausgewählt wird. Es gebe ja auch eine Backup-Crew, weshalb jemand anderes in die Rakete steigen könnte.
Hansens Antwort auf die spitzfindig-fiese Frage kommt sogleich, und sie ist professionell: Dass es ihm viel bedeute, überhaupt dabei sein zu dürfen. Dass dies alleine schon ein Traum sei, der Wirklichkeit geworden war. Er lächelt – und man glaubt es ihm.
Gleich um die Ecke des Simulators, in den Jeremy Hansen wieder verschwindet, um sich weiteren Notfallszenarien, Alarmen und Problemen hinzugeben, findet man einen Raum mit seltsamen Apparaturen.
Diese sehen aus wie eine Mischung aus Sanitäranlagen und Folterinstrumenten mit Arretierungsmöglichkeiten für Körperteile. Es handelt sich um Trainingstoiletten. Denn selbstverständlich muss auch im Weltall der Mensch seinen natürlichen Bedürfnissen nachkommen, nur ist dies in der Schwerelosigkeit nicht ganz unproblematisch. Zudem könnten diesbezügliche Malheurs für die Crew unangenehm bis fatal sein. Also will der saubere Toilettengang geübt sein.
Logischerweise besitzt auch ein Weltraumklo eine Abkürzung: UWMS. Die vier Buchstaben stehen für «Universal Waste Management System». Als ich die Trainingstoiletten sehe, erinnere ich mich an eine Begegnung vor dreissig Jahren.
Denn schon einmal sprach ich mit einem Menschen, der im Weltall gewesen war. Es war kein Astronaut, sondern ein ehemaliger Kosmonaut, genauer gesagt der zweite Mensch überhaupt, der einen orbitalen Raumflug absolvierte: German Stepanowitsch Titow. Ich habe noch immer seine Autogrammkarte, die er mir bei unserem Treffen im Verkehrshaus Luzern signiert hatte.
Titow verliess am 6. August 1961 auf der Wostok-2-Mission die Erde und kehrte 25 Stunden später zurück. Vier Monate zuvor war Juri Gagarin schon oben gewesen. Dessen Flug dauerte zwar bloss 100 Minuten, und die Mission war um einiges weniger komplex als jene von Titow, aber so ist es eben: second to win, first to lose. Gagarin ist den meisten (noch) ein Begriff. Titow wohl eher nicht.
In dem damaligen Gespräch erinnerte sich Titow daran, dass es überhaupt nicht schön gewesen sei im Weltall oben. Es war ihm so richtig schlecht ergangen. Der Grund war ein damals noch unbekanntes Syndrom namens SAS («Space Adaption Syndrome»), auch Raumkrankheit genannt, ausgelöst durch sensorische Konflikte – so ähnlich wie bei der Seekrankheit. Ihm wurde übel, er musste sich übergeben, zudem litt er unter Schwindel und Orientierungslosigkeit.
Heute kennt man diverse präventive wie akute Behandlungsmöglichkeiten. Damals aber war es eine gänzlich neue Entdeckung. Und eben: Von den Toiletten erzählte Titow, von den Herausforderungen, die kleineren und grösseren «Geschäfte» der menschlichen Natur im komplexen Kontext der Raumfahrt zu lösen.
Die Raumfahrt ist kein Selbstläufer. Alles will akribisch geplant und getestet sein. Und dies war auch der eigentliche Grund für die Reise der Handvoll Auserkorenen nach Houston. Denn eingeladen hatte, wie eingangs erwähnt, die Uhrenfirma Omega, da deren Geschichte eng mit der Nasa verbunden ist. Vor sechzig Jahren wurde das Modell Speedmaster von der Raumfahrtbehörde für ihre Mondmission auserkoren, was jener Uhr den Namen «Moonwatch» einbrachte – und Omega einen unbezahlbaren Technik-/Raumfahrtgeschichte-/Mythos-Marketing-Tool-Fundus bescherte.
Konkret war es damals so, dass die Nasa Tests durchführte, um eine geeignete Uhr für die erste Mondmission zu evaluieren. Im Grunde waren die Tests nichts anderes als Versuche, die Uhren nach allen Regeln der Kunst zu zerstören. Man setzte sie extremer Hitze, kältester Kälte, Vibrationen, einer Beschleunigung von 16g und noch ein paar weiteren Heftigkeiten aus.
Die Omega Speedmaster bestand als einzige und wurde 1965 als «Flight Qualified for all Manned Space Missions» zertifiziert. Der Rest ist Geschichte: Buzz Aldrin betrat mit einer Uhr aus Biel am Handgelenk den Mond (Neil Armstrong liess seine in der Mondlandefähre, da dort der Bordzeitmesser ausgefallen war). Doch die Verbindung zwischen der Nasa und der Bieler Firma sollte noch inniger werden. 1970 startete Apollo 13 zur dritten bemannten Mondlandung.
Rund 55 Stunden nach dem Start explodierte ein Sauerstofftank im Servicemodul; das Raumschiff wurde schwer beschädigt. Der berühmte Funkspruch «Okay, Houston … we’ve had a problem here» markierte den Beginn einer dramatischen Rettungsmission: Nach der Explosion war das Navigations- und Zeitsystem an Bord unbrauchbar, die Crew musste auf manuelle Methoden zurückgreifen.
Um sicherzustellen, dass die Kapsel mit dem richtigen Wiedereintrittswinkel in die Erdatmosphäre gelangte, war ein Steuerungsschub mit dem Triebwerk nötig, aber nicht kürzer oder länger als für exakt 14 Sekunden. Astronaut Jack Swigert verwendete dafür seine Omega Speedmaster. Eine Sekunde mehr oder weniger, und die Crew wäre an der Erde vorbeigeflogen oder in einem zu steilen Winkel in die Atmosphäre eingetreten und verglüht. Doch alles ging gut. Auch dank der Uhr aus Biel.
Als ich wieder ins Flugzeug stieg, um heimzufliegen, erweiterte ich den Fragenkatalog an Mike L-A. Bald war der Katalog dick wie die Bedienungsanleitung für eine Mondrakete. Und daheim fragte ich auch noch Kinder und Erwachsene, Freunde sowie Wildfremde, was sie denn einen Astronauten fragen würden.
Ein Kollege etwa meinte, ich solle den Astronauten unbedingt fragen, was mit seinem Kopf geschehen würde, nähme er im Weltraum den Helm ab. Eine andere drängende Frage: «Wie ist es, sich in der Schwerelosigkeit die Zähne zu putzen?»
Aber man kann einen Astronauten nicht mit einem Meteoritenhagel von Fragen bombardieren. Je weniger Fragen, dachte ich, desto höher wäre die Wahrscheinlichkeit einer Reaktion. Und tatsächlich erhielt ich einige Zeit später eine Mail von Mike L-A mit Antworten, etwa auf jene Frage, die so simpel wie auch ehrlich interessiert war: Kann man das Gefühl beschreiben, das man im All empfindet?
Mike L-A schrieb, man könne nicht von einem Gefühl sprechen, sondern von «Gefühlen (Plural!)». Es seien viele Emotionen, die man empfinde. «Ehrfurcht, Aufregung, Freude und auch ein Gefühl der Verantwortung. Es ist eine wunderbare Mischung aus vielen positiven Emotionen.»
Im Weltraum zu sein ist eine Sache, aber dorthin zu gelangen ist eine andere: Wie fühlt es sich an, auf einer dreihundert Tonnen schweren Rakete zu sitzen?
«Durch das umfangreiche Training vor dem Start sind wir sehr gut vorbereitet. Dennoch steigen die Aufregung und die Emotionen, wenn die Countdown-Uhr sich der Null nähert. Es gibt nichts Vergleichbares zu den letzten Sekunden vor dem Start.»
Warum sollten wir wieder zum Mond zurückkehren – und was sagen Sie zu Menschen, die der Meinung sind, dass es auf der Erde genug Probleme gibt, um die man sich kümmern muss?
«Als Menschen müssen wir weiterforschen. Wir kehren zum Mond zurück, um wissenschaftliche Entdeckungen zu machen, technologische Fortschritte zu erzielen und eine nachhaltige Präsenz auf der Mondoberfläche aufzubauen. Die Missionen zum Mond bereiten uns auf zukünftige bemannte Missionen zum Mars vor. Durch die Rückkehr zum Mond können wir die Mondumgebung nutzen, um Lebenserhaltungssysteme, menschliche Lebensräume und innovative Technologien zu testen, die für Missionen zum Mars erforderlich sein werden.»
Träumen Sie im Weltraum anders? Träumen Sie auf der Erde vom Mond (und vice versa)?
«Es dauert ein paar Tage, bis man sich daran gewöhnt hat, aber danach drehen sich die Träume im Weltraum meist darum, im Weltraum zu sein. Und dasselbe gilt für die Rückkehr zur Erde – nach ein paar Tagen schwebe ich in meinen Träumen nicht mehr, sondern gehe wieder.»
Machen Sie im Weltraum manchmal eine Pause und geniessen einfach die Aussicht?
«Es gibt einige Ausblicke im Weltraum, die man auf der Erde niemals zu sehen bekommt. Auf der Internationalen Raumstation gibt es etwa alle neunzig Minuten einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang. Man hat einen unglaublich klaren Blick auf den Mond und die Sterne sowie auf die Erde selbst, die viele Astronauten als blauen Marmor beschreiben. Eine Reise ins All ist eine so einzigartige Gelegenheit, dass wir uns oft Zeit nehmen, um die Aussicht zu bewundern.»
Wie gehen Sie damit um, nach einer Mission wieder auf der Erde zu sein? Erscheint Ihnen das Alltagsleben dann nicht absurd normal?
«Eigentlich schätze ich die Erde viel mehr, wenn ich nach Hause zurückkehre. Das Gefühl der frischen Luft, die Schönheiten und Geräusche der Natur. Das sind alles Dinge, die wir manchmal als selbstverständlich ansehen, aber wenn man auf einer Mission im Weltraum war, wird einem schnell klar, wie besonders die Erde ist.»
Dies sind die Antworten eines Mannes, der dort gewesen war, wo es einsam ist wie nirgendwo sonst. Und stockdunkel. Und gleissend hell. Und kalt. Und heiss. Maximal lebensfeindlich, aber sicher auch wunderschön.