KLIMAANLAGE IN BUCHFORM
Am 23. November im Jahr 1974 nahm Werner Herzog die Jacke vom Haken und ging aus dem Haus, machte sich auf den Weg, neue Schuhe an den Füssen und im Rucksack einen Kompass, der ihm den Weg weisen würde. Der Filmregisseur («Fitzcarraldo») hatte einen Anruf aus Paris erhalten: Eine Freundin sei schwer erkrankt, sie werde – so hiess es – wahrscheinlich sterben. Er aber wollte ihren Tod nicht zulassen, also ging er sie besuchen, und zwar zu Fuss, von München aus, denn wenn er zu Fuss ginge, würde sie am Leben bleiben – dies war seine Überzeugung, daran glaubte er. Ausserdem wollte er mit sich alleine sein; und dafür war das Gehen schon immer ein probates Mittel.
Die neuen Schuhe bereiteten ihm alsbald Probleme. Und um einen Schlafplatz zu finden, stieg er auch schon mal in eine Gartenlaube ein, fensterscheibenklirrend. Er ging, marschierte, latschte, auf direktem Weg, immer Richtung Westen, wanderte beharrlich durch eine winterliche Landschaft, die ihn mehr und mehr verschluckte und einsamer werden liess. Herzog beobachtete und notierte: Er sah grosse Wälder im Sturm, Dohlen in Schwärmen, im Nebel auf Feldern Zuckerrübenhalden, die ihm als mythische Hügel erschienen. Er verlief sich, fand zurück auf seinen Weg, querte Flüsse und Dörfer, und das Ziel kam näher, jedoch langsam nur.
«Vom Gehen im Eis» ist ein Per-pedes-Offroadmovie und ein hypnotischer Text – zudem eine Klimaanlage in Buchform: all der Regen, der Schnee, die Graupeln, das Eis, die klammen Finger und die vor Kälte nagelnden Füsse, das Frieren, das Zittern, die kondensierende Atemluft, die dampfenden Miststöcke. Dieses Buch ist die ideale Lektüre für irrhitzige Sommertage. Ich schätze, es senkt die gefühlte Körpertemperatur um mindestens 1,5 Grad.
Werner Herzog kam übrigens nach etwas mehr als hundert Buchseiten und noch vor Weihnachten in Paris an. Seine Freundin war noch am Leben und schien munterer als der von seinen vielen Kilometern gepeinigte Wanderer. Sie erholte sich von ihrer Krankheit und sollte noch viele Jahre leben. Wie Herzog zurück nach München reiste, ist nicht überliefert, doch ist davon auszugehen, dass er nicht zu Fuss ging.