• April 2022

DA STECKT ALLES DRIN

Wir sprachen über Autos. Oder über das, was von ihnen übrig geblieben ist. Denn das Auto ist einer der grossen Verlierer der letzten Dekaden, zumindest was meine Interessen anbelangt. In der Kindheit war das Auto ein zentrales Sehnsuchtsobjekt, später noch immer in vielerlei Hinsicht interessant, heute ist es bloss noch praktisch, dann und wann, etwa beim Altglasentsorgen. Vor allem jedoch ist es als eines der Probleme erkannt, welches uns schneller auf die Klimakatastrophe zurasen lässt. Aber es ist ja auch okay, wenn man sich als Erwachsener nicht mehr für dieselben Dinge interessiert wie als Kind. Die Begeisterung für das Verspeisen von Nasenpopeln beispielsweise schwindet ja auch irgendwann und weichtjener für die Auster.

Mein Hauptproblem mit dem Auto betrifft vor allem seine ästhetische Erscheinung, welche einen allgemeinen Niedergang der Schönheit in der Produktewelt widerspiegelt, respektive eine fatale Entwicklung. Früher waren Designer gottähnliche Instanzen, heute sind sie willfährige Helfer der die Kundenwünsche orakelnden Marketingabteilungen.

Diese absurde Verfettung der Karren und die um sich greifende Ödnis des Designs sind zum Kopfschütteln. So sind Gespräche über Autos immer auch durchzogen von Enttäuschung und Nostalgie, man blickt lieber zurück, selbst wenn man nach vorne schaut und etwa über Elektroautos spricht, die ja alle daherkommen, wie man sie sich 1993 in Science-Fiction-Filmen mit Sylvester Stallone und Sandra Bullock vorgestellt hatte («Demolition Man»). Und wir sprachen über Elektroautos, als Klumpen sagte: «Ich begreife nicht, wie eine Automarke wie Audi ihre Fahrzeuge ‹e-tron› nennen kann.» «Weshalb?», fragte ich, «‹e-tron› ist doch ein super Name, da steckt alles drin. Strom. Zukunft. Science-Fiction.

Das spricht die Menschen an, wenigstens die, die auf Science-Fiction stehen.» «Nun ja», meinte Klumpen, «ich weiss nicht, wie sich der Name auf die Verkäufe in französischsprachigen Gebieten auswirkt.» «Warum?» Ich weiss, dass Klumpen weiss, dass die französische Sprache ein Schwachpunkt meiner schulischen Laufbahn gewesen ist. Er lächelte. «Das musst du selber googeln.»

Leider hatte ich just einen nicht-elektronischen Tag, also Intervallabstinenz von Smartphone und Ähnlichem, ganz wie das allseits beliebte Intervallfasten, einfach anders. Ich musste es manuell nachschlagen. Zwar bin ich ein grosser Freund von Wörterbüchern und deren Handhabung, denn man hat dabei immer wieder Gelegenheit, über Begriffe zu stolpern, von denen man nicht wusste, dass sie existieren. Dies ist allgemein einer der Vorzüge der analogen gegenüber der digitalen Welt: dass man mehr mit dem Unbekannten in Kontakt kommt, den Dingen ausserhalb der eigenen Blase. Doch leider besitze ich kein Französischwörterbuch.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als in den Buchladen zu gehen und dort in die Fremdsprachenabteilung, wo ich mir das erbsenpüreegrüne Wörterbuch griff, aufschlug und auf Seite 328 zwischen der behindernden Enge eines Rocks («l’étroitesse de sa jupe la gênait») und dem Lernen («ne pas aimer les études») die Erklärung für den Begriff «étron» fand. Als ich ihn aussprach, laut, zuerst auf Französisch, dann auf Deutsch, dann nochmals auf Französisch, mir Mühe gab, das Wort richtig zu betonen, es mehrmals probierte, blickte mich die Buchhändlerin, die zu meiner Linken sich am Regal mit Latein zu schaffen gemacht hatte, doch etwas seltsam an. Ich lächelte freundlich in ihre Richtung und sagte leise: «Bonjour madame.» Ich fand, es klang perfekt.