• Februar 2026

KUNST

Weshalb verliebt man sich in ein Kunstwerk, und zwar so sehr, dass man es kauft und sich zu Hause an die Wand hängt? Ich weiss es nicht. Sicherlich werden beim ersten Blick auf ein Kunstwerk chemische Prozesse in Gang gesetzt. Es ist wohl nicht gross anders, als wenn man sich in einen Menschen verliebt: Das Gehirn spielt verrückt, das Herz funkt rein, der Bauch ebenso (und im Fall der Kunst natürlich auch das Portemonnaie).

Dieses Bild hat Jürg Kreienbühl gemalt. Er wurde 1932 in Basel geboren, zog aber früh nach Paris und malte dort das, was andere lieber übersahen: Müllhalden, Baracken, Vorstädte, Arbeiter, Verlierer des Fortschritts. Während sich die Kunstwelt in Abstraktion und Konzept verrannte, blieb er hartnäckig gegenständlich: altmodisch und trotzig. Einer, der sagte: Ich male das, was ist. Und was ist, ist oft hässlich. Aber Hässlichkeit kann auch schön sein, allein schon durch den Umstand, dass sie wahr ist.

Seine Bilder wirken auf den ersten Blick kühl, beinahe dokumentarisch. Doch je länger man hinschaut, desto wärmer werden sie. Da ist Empathie, aber keine Sentimentalität – und auch keine kitschige Sozialromantik, sondern dokumentarischer Realismus.

Besonders eindrücklich sind seine Darstellungen der Pariser Banlieues der Sechziger- und Siebzigerjahre und deren Bewohner und Bewohnerinnen. Es zog ihn an die Ränder der Gesellschaft; und dort in der Banlieue lebte er auch lange Jahre randständig in einem ausrangierten Bus ohne Räder und malte die Welt, die ihn umgab.

Kreienbühls Verhältnis zu Basel blieb dabei eigentümlich distanziert. Er wuchs in Basel auf, aber richtig heimisch war er in der Stadt nie.

Basel, diese wohlgeordnete, selbstbewusste Kunststadt, wusste lange nicht recht, was sie mit einem anfangen sollte, der Müllplätze malte und Randständige porträtierte. Es gibt diese eine Geschichte, die man sich erzählt. Der junge Maler zeigte hoffnungsfroh dem Direktor des Kunstmuseums Basel seine Werke. Und der meinte kühl, ob er nicht selbst sehe, dass seine Arbeit «bloss Scheisse» sei. Gegenständliche Malerei war damals suspekt, sie galt als überholt, ja so tot wie die ausgestopften Tiere im Muséum national d’Histoire naturelle, die Kreienbühl über Jahre hinweg malte.

Umgekehrt schien Kreienbühl wenig Interesse daran zu haben, sich anzupassen oder zurückzublicken. Er galt als schwieriger Charakter, und Paris wurde sein bevorzugtes Arbeitsfeld, Basel blieb eher ein biografischer Umstand. Erst spät begann man dort, ihn wirklich ernst zu nehmen – vielleicht, weil man inzwischen besser verstand, dass seine Bilder keine Anklage gegen einen Ort waren, sondern gegen eine Haltung: das bequeme Übersehen.

Kreienbühl war nie ein Liebling des Marktes. Zu unbequem, zu politisch, zu morbide die Sujets. Seine Bilder passten nicht über die Sofas in den guten Stuben. Auch heute noch sind die Werke des 2007 verstorbenen Malers erstaunlich erschwinglich.

Das Gemälde hier zeigt den Blick aus seinem damaligen Atelier in Basel (er war wohl für eine Weile in seine Heimatstadt zurückgekehrt): die Türme des Münsters und einen Himmel über der Stadt, der kein gutes Wetter verspricht. Ein typischer Kreienbühl: einfach aus dem Fenster blicken und das abbilden, was dort zu sehen ist. Ohne Wertung, ohne Beschönigung. Die Welt sehen – nicht so, wie sie gefällt, sondern so, wie sie ist.