Buchtipp der Woche: Urs Lüscher: Ein Mammutbaum von einem Buch
Zuerst ein paar Zahlen: 8592 Bilder. 7240 Gramm. 1908 Seiten. 365 Franken. Drei Bände. Ein Schuber. Über zwanzig Jahre hinweg hat Urs Lüscher an «Plantae» gearbeitet, frühmorgens, spätabends – es ist ein Mammutbaum von einem Buch geworden. Vielleicht kann nur jemand so etwas zustande bringen, der ausdauernd ist wie eine perennierende Pflanze. Lüscher ist von Berufs wegen mit Bäumen und Gräsern verwachsen, er führt mit seinem Bruder in dritter Generation einen Gartenbaubetrieb mit Baumschule. Er, der Praktiker, züchtet etwa auch die fünfundzwanzig Eukalyptusarten, welche den als picky eaters bekannten Koalas des Zoo Zürich serviert werden – so entnimmt man dem Vorwort von Zoodirektor Severin Dressen.
In drei Bänden werden viertausend Gehölze, Stauden und Gräser in Wort und Bild vorgestellt, eine Beilage («ABC der gärtnerischen Fachbegriffe») erläutert, was beispielsweise ein «Cabriohaus», eine «Igelwalze» oder ein «Boskett» ist. «Plantae» richtet sich in erster Linie wohl an Profis, an Landschaftsarchitektinnen oder Baumschuler. Doch auch botanische Dilettanten werden ihre Freude daran haben. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Deshalb habe ich mir dieses Schwergewicht auch geleistet, denn einerseits ist «Plantae» ein Hilfswerk: Man kann Informationen nachschlagen, beispielsweise über das vielschichtige Wesen der weit verzweigten Familie der Ahorne. Doch das immense Werk lädt andererseits auch dazu ein, regelrechte Spaziergänge darin zu unternehmen; ganz so, als flaniere man sonntags durch einen Botanischen Garten, um dabei die kleinen Wunder der Natur zu bestaunen: das Schwarze Lampenputzergras; den Gemeinen Ranunkelstrauch; den Affenschwanzbaum.
Die Bäume und all ihre Freundinnen und Freunde: Sie umgeben uns, sie ernähren uns, lassen uns atmen, sie sind Schmuck, und sie nützen uns, bringen Ruhe, spenden Schatten – und doch wissen wir so wenig über sie. Darum schlage ich jeden Tag «Plantae» auf und studiere eine der Pflanzen. Schön streng von vorn nach hinten, mit System! Heute kommt die Acaena dran, auch Blaugrünes Stachelnüsschen genannt.
Der Inhalt von «Plantae» ist in seiner Breite und Tiefe faszinierend, in jeglicher Hinsicht bereichernd, das geballte Wissen eindrücklich, doch das Werk hat nicht nur ein Innenleben, es ist auch von aussen eine Schönheit – eine Eigenschaft, die bekanntlich auch so mancher Pflanze zu eigen ist.