BITTE NICHTS ANFASSEN
Der Sohn bekam zu seinem Geburtstag eine Reise geschenkt, es ging nach Wien, mit dem Nachtzug. Der Sohn war damals noch ein Dreikäsehochknirps mit einem Schwammhirn, das alles aufsog, was durch Ohren und Augen hereinkam. Eine Eigenschaft, die Kindern zu eigen ist – und die Erwachsene mit ihren gesättigten und zugemüllten Schädelspeicher neidisch machen kann.
Das Ziel in Wien war der Ort, an dem alles zu sehen ist, was auf unserem Planeten zur Welt kam, wuchs, entstand, schon immer da war oder irgendwann auf ihn heruntergefallen ist aus der Tiefe des Alls: das Naturhistorische Museum mit seinen 30 Millionen Artefakten.
Und so sahen wir den Eisenmeteoriten, der im Jahr 1886 bei Cabin Creek in Arkansas zu Boden fiel. Ein dunkler Brocken, wie Eisen gewordene Knete eines Riesen. Er gilt als einer der schönsten Meteoriten überhaupt. Wir sahen das Fragment eines Steins aus dem Taurus-Littrow Valley, wo Apollo 17 im Dezember 1972 landete. US-Präsident Nixon hatte es der österreichischen Nation geschenkt, als Symbol der «Einigkeit aller menschlichen Bestrebungen und der Hoffnung des amerikanischen Volkes für eine Welt in Frieden». So steht es auf einer Tafel geschrieben. Wir verrenkten unsere Hälse nach dem aufragenden Skelett eines Iguanodons, eines Dinosauriers aus der frühen Kreidezeit. Wir sahen die Venus von Willendorf, klein und drall, der Bube machte grosse, fragende Augen, ich zog ihn schnell einen Saal weiter.
Wir sahen den ausgerotteten Tasmanischen Beutelwolf. Wir sahen Faultiere, an Ästen hängend, so reglos wie lebendige Exemplare ihrer Art. Wir sahen das Schosshündchen von Maria Theresia, ein Kontinentaler Zwergspaniel, an dem die Jahrhunderte nicht spurlos vorbeigegangen waren. Ebenso sahen wir in einem Schaukasten zwei Riesenkrabben, schauerliche, dünnbeinige Kreaturen, die der japanische Kaiser Meiji dem Kaiser Franz Joseph I. geschenkt haben soll. Das waren noch Geschenke! Riesenkrabben mit meterlangen Scherenbeinen! Wir schritten durch einen Saal voller Krokodile, deren tote Augen uns verfolgten, wir flohen vor riesigen Gespensterschrecken und Urzeitlibellen, betrachteten die schleimigen Schnecken Österreichs und jene der Restwelt. All dies und noch viel mehr hatten wir gesehen – und wir wussten, als wir die Stiegen der Kuppelhalle hinuntergingen, dass die Erde ein grossartiger Ort ist, auch wenn Meteoriten vom Himmel fallen und irgendwo in den dunklen Tiefen der Meere Riesenkrabben auf uns warten.
Als wir vor der Türe des Naturhistorischen Museums standen, war der Geist satt, aber der Magen knurrte wie ein Tasmanischer Beutelwolf. Also machten wir uns auf, stiefelten Richtung Bräunerhof, ein Kaffeehaus in der Stallburggasse, in dem der Schriftsteller Thomas Bernhard zu Lebzeiten tagein, tagaus sass und sich hinter aufgeschlagenen Zeitungen vor der Welt versteckte. Wir bestellten beim für seine Grantigkeit berühmten Personal Saftgulasch mit Nockerln und Würstchen mit Kren, dessen Schärfe dem Buben die Tränen in die Augen trieb. Als ich zum Topfenstrudel einen Kleinen Braunen orderte, fragte der Sohn, wann das Museum am nächsten Tag aufmache. Ich fragte, weshalb. Und er sagte, weil er nochmals hinwolle, die Riesenkrabben anschauen und die Dinos und alles andere auch. Er hatte noch Appetit.