BIN ICH DAS PROBLEM?
Der Fahrradfahrer war ein ganz normaler Fahrradfahrer, vorbildlich mit leuchtend rotem Helm auf dem Kopf, eher jung als alt und mit einem unauffälligen Alltagsrad unterwegs, so kam er mir in der 30er-Zone entgegen. Ich sass im Auto, im Radio lief «I Was Made for Lovin’ You» von Kiss und ich wollte gerade den Sender wechseln, da sah ich, wie der Velofahrer in die Strassenmitte zog. Er fuhr direkt auf mich zu. Irritiert ob des Velofahrers Kurs ging ich vom Gas, er hielt weiter direkt auf mich zu. Was hatte er vor? Kurz vor einer Kollision machte er einen Schwenker, nahm die rechte Hand vom Lenker, streckte Zeige- und Mittelfinger und spreizte den Daumen ab: Als wäre seine Hand eine Pistole schoss er pantomimisch auf mich, einmal, zweimal, mit angedeutetem Rückstoss, dann bog er scharf ab und verschwand zwischen den Häusern der Stadt.
Das kurze und eigentlich ereignislose Erlebnis beschäftigte mich noch den ganzen Tag über. Weshalb wollte der Typ mich erschiessen, auch wenn bloss symbolisch? Weil ich in einem Auto unterwegs war? War ihm dies Grund genug? Aber ich gehöre ja nicht zu jenen, welche das Auto anbeten oder als letztes Werkzeug zur Darstellung ihrer Männlichkeit sehen. Ich fahr ja noch nicht mal BMW, sondern bloss einen alten, silberfischfarbenen Volvo Kombi mit 170’000 Kilometern auf dem Buckel, unauffällig, praktisch, mit einem «Ich bremse auch für Igel»-Kleber auf der Heckscheibe – zudem war ich auch nicht aus Spass unterwegs oder aus Langeweile, sondern weil etwas transportiert sein wollte.
Oder war es gar nicht des Autos wegen? Hatte er etwas gegen Brillenträger? Oder Bärtige? Oder bärtige Brillenträger? Oder war er einfach balla-balla? Ich weiss es nicht und werde es wohl auch nie erfahren, aber es hing mir nach und stimmte mich traurig.
Die inexistenten Kugeln steckten in meinem Fleisch. Schlussendlich sind wir ja dieselben: Menschen, die miteinander in einer Stadt leben, als Nachbarn, als Gemeinschaft, auch wenn man direkt meist nichts miteinander zu tun hat. Wir müssen aneinander vorbei- und miteinander auskommen. Aber die Menschen scheinen mehr und mehr zu eskalieren.
Ich stelle dies auch an anderen Punkten im Alltag fest, etwa bei Leser- und Leserinnenbriefen. Der Tonfall wird rauer. Erst unlängst schrieb mir ein Herr K. hässig, es sei «beschämend», dass ich in einer Kolumne «Alptraum» statt «Albtraum» geschrieben hatte. Beschämend!
Obwohl der Ton der Mail aggressiv war, wies ich in meinem elektronischen Antwortbrief Herrn K. freundlich darauf hin, dass der Duden beide Schreibweisen zulässt. Und dem Duden sollten wir ja vertrauen dürfen, noch immer. Wenigstens ihm! Was ich nicht schrieb: Eigentlich hätte er ja von selbst draufkommen können, mal nachzuschlagen, bevor er aggro in die Tasten haut. Aber in die Tasten hauen ist halt sehr einfach und schnell getan. Das sieht man auch bei vielen Online-Kommentaren zu Artikeln. Kommentare, teils so elend, dass ich sie grundsätzlich nicht mehr lese, da sie mich bekümmern.
Sind wir Menschen im Umgang miteinander tatsächlich gröber geworden? Oder bin vielleicht ich das Problem? Bin ich einfach dünnhäutiger als früher? Durchaus möglich, doch ich glaube: Das Internet ist schuld, diese digitale Kloake. Das Gift schwappt über ins reale Leben. Aber das ist bloss eine Theorie.
Und was den Velofahrer angeht, der mich erschossen hat, während im Autoradio «I Was Made for Lovin’ You» lief: Ich wünsche ihm das Beste auf seinem Weg, der sich hoffentlich nie mehr mit dem meinigen kreuzt.