• April 2023

50 SHADES OF STEUERRECHT

«Versagen ist nicht schlimm», las ich auf dem Cover der «Schweizer Illustrierten». Ich griff sofort zu, kaufte das Magazin. Diese Überschrift sprach mich an, denn wie wohl jeder Mensch habe auch ich Angst vor dem Versagen, dann und wann. Da schienen mir solche Worte trostreich. Ausserdem war klar, um was es dabei gehen musste: Die Credit-Suisse-Krise und die diskreditierten Versager-Banker. Doch zu Hause stellte ich fest, dass ich am Kiosk nicht genau hingeschaut hatte. Die «Versagen ist nicht schlimm»-Story handelt mitnichten vom Credit-Suisse-Debakel. Es ist ein Zitat von Hazel Brugger; die Comedy-Künstlerin zierte das Cover der Zeitschrift. Das «Versagen» bezieht sich nicht auf das frisch bestattete Bankinstitut, sondern auf ihre Improvisationsrolle als Mutter und die problematische Vereinbarkeit dieser mit ihrer Werktätigkeit.

Von der CS hat man in letzter Zeit ziemlich viel gelesen und gesehen, das Allerletzte war eine Werbung der Bank auf der Rückseite des Magazins des Zürcher Kunsthauses, just vor Ostern flatterte es per Post ins Haus, als man die CS längst ans Kreuz geschlagen hatte. Der Slogan der Werbung lautet: «Unabhängig bleiben. Genau darum gehts.» Die Bank bietet «Beratung für alles, was das Leben bereithält», etwa «eine Scheidung». Nun kann sie sich selbst post mortem beraten, denn «alles, was das Leben bereithält» wurde nebst der Scheidung ja durch die institutionelle Zwangsehe erweitert. Allerdings ist die Werbung nicht nur ihres Timings, sondern auch ihres Sujets wegen interessant. Es sind drei Frauen zu sehen, alle im reiferen Alter und in Bademänteln, Gläser in den Händen mit vielleicht frischem Pfefferminztee darin, es könnten aber auch Mojitos sein. Zwei Frauen haben die Augen geschlossen, die dritte so halb, sie lächeln selig, als hätten sie Ecstasy-Pillen geschluckt, die nun so richtig einfahren. Folglich kann die Botschaft dieser Werbung nur bedeuten: «Scheidung = Seelenfrieden. Just do it!»

Apropos Seelenfrieden und CS: Ich durfte lernen, dass man von diesen Bankern doch noch etwas lernen kann, denn gewisse Dinge haben sie drauf, vor allem, wenn es um den eigenen Vorteil geht. Ein ehemaliger CS-Verwaltungsratspräsident etwa, der zu Lebzeiten der Bank von dieser über 50 Millionen kassiert haben soll, der wohnt eigentlich im Kanton Zürich, stadtnah, Villa im Grünen, was schön ist, wenn man am wie auch immer gearteten Leben der Metropole teilhaben möchte. Schlecht aber, wenn man Steuern zahlen muss. Also baut man eben schnell seine Villa um und zieht in der Renovationszeit in eine Mietwohnung im Kanton Schwyz. Genau dann bezieht man sein Rentenguthaben als Kapital und geniesst dabei die Steuervorzüge des vorzüglichen Kantons – dann zügelt man später mit satt angewachsenem Vermögen zurück in die frisch renovierte Villa.

Gemäss Kapitalsteuerrechner der Kantonalbanken spart man bei einem Bezug von 10 Millionen Franken aus seinem prall gefüllten Pensionskassenkässeli rund 1,3 Millionen, wenn man diese Transaktion im Kanton Schwyz und nicht im Kanton Zürich vornimmt. Da musste der Ex-Banker sicher vor Glück laut glucksend lachen, als ihm die Idee gekommen war. 1,3 Millionen – da hat er einen schönen Haufen auf seinen sicherlich bereits stattlichen Haufen machen können!

Versagen ist nicht schlimm – steuerliche Schlitzohrigkeit scheinbar auch nicht. Der Frühling kann kommen; man bewundert die prächtigen Blüten des schweizerischen Steuerwettbewerbs, sie spriessen herrlich in den unterschiedlichsten Schattierungen.