• März 2017

Mein Lieber Freund

im Zigerschlitz hatte ich zu tun, eine Lesung stand an an einem Ort mit einem ziemlich gstabigen Namen, Veka-Glarus nämlich, was für «Verein zur Erweiterung des kulturellen Angebots Glarus» steht. Ein Ort, der sich als extrem angenehm herausstellen sollte, geführt von ganz und gar ungstabigen Menschen, denen die Sache eines kulturellen Wasserlochs im Tal am Herzen liegt. Als ich in Ennenda aus der S-Bahn stieg, da war es bereits dunkel. Noch war ich gedanklich in meiner Welt, liess mir von meinem iPhone den Weg ins Veka weisen – und als ich den Kopf dann endlich einmal hob und herumblickte, da sah ich sie: die Berge. Sie standen dort, schneeweiss in der Schwärze wie glimmende Riesen, von denen man nicht wusste, ob sie einem freundlich gesinnt waren, die einen umringten wie Mitglieder einer Gang von zweifelhaftem Ruf. Ich blieb stehen und schaute sie an und dachte: Krass. Wenn man sie nicht erwartet, wenn man nicht auf sie vorbereitet ist, dann treffen sie einen noch viel heftiger: die Berge. Und dann kam es mir in den Sinn.

Ich war nämlich schon einmal dort, in Ennenda, mit dir, an einem frühen Morgen, mit guten Schuhen an den Füssen, dem 1:25 000er-Kartenblatt Nr. 1154 und einem Salamisandwich im Rucksack. Von Ennenda ging es in einer Freiluftseilbahn (die mich schwer an eine von zwei linken Händen gezimmerte Seifenkiste erinnerte) tausend Meter hoch zum Bärenboden. Heute gibt es diese Freiluftbahn nicht mehr, würde man mir später sagen, sie wurde ersetzt durch eine richtige Seilbahn mit einer richtigen Kabine. Es muss also wirklich eine Weile her gewesen sein. Damals war die Fahrt für mich als praktizierenden Höhenängstler ein zweifelhafter Spass, fest hielt ich den Leki-Teleskopwanderstock in meiner Kralle, die ganzen elf Minuten lang, die die Fahrt dauerte und die du nutztest, um alle Witze in deinem Repertoire abzuklappern, in denen es um Abstürze, lockere Schrauben und Ähnliches ging. Nun, wir kamen dann oben an, heil, und steil ging es weiter, zu Fuss, durch den Stägenwald, über die Chrummböden, den Mittlist-Grat, vorbei an einem Grüppchen noch halb vereister Seechen namens Bei den Seelenen. Nach tausend Höhenmetern Marsch waren wir auf dem Gufelstock (2436 m ü. M.), wo das Sandwich so gut schmeckte wie noch nie zuvor und ein Segelflugzeug uns beinahe den Wanderhut vom Kopf fegte wie in einem Richard-Scarry-Kinderbuch. Wir blickten in die Ferne, wo all die anderen Gipfel uns zuwinkten, allen voran der dicke Tödi, der Blöffer. Dann ging es auf dem Grat über den Heustock zum Schwarzstöckli, tausend Dinge in der Weite, wie von Hodler gemalt, nur besser; und ohne sich aufspielende Wolken. Dann, ins Senneloch hinunterblickend, dem Wisschamm entlang bis Rotärd, wo der Stein rot war wie in einem fremden Land oder auf einem fernen Planeten. Wir bogen linker Hand ab, marschierten das Schilttal hinunter, gingen zurück aus dem Stein mit Gefälle zurück ins Grün, die Alpenrosen blühten im Steingarten des Begliger Gand, und alles war saftig und frisch. Hinunter kamen wir schliesslich, wo wir dann standen, wo wir morgens gestanden waren, zurück im Tal auf der Erde, obwohl man ja immer auf ihr gewesen war. Die Beine summten und waren schwer. Die Füsse noch schwerer, als wären die Schuhe über den Vibram-Sohlen mit Osmium ausgegossen. Der Kopf das Gegenteil, heliumleicht, und ich dachte, was wir später auch sagten und ich jetzt wiederholen möchte, noch einmal: Es war schön.
Mein lieber Freund: Diese Wanderung, die sollten wir wieder machen. Nein, was schreib ich da: nicht «sollten», «müssen» wir wieder machen. Jetzt, da der Frühling tatsächlich kommt und in seinem Pollenschatten dann der Sommer, da der Schnee dort oben langsam, aber sicher schmilzt und so die Berge wieder zu dem werden, was sie sein können: Freunde – und Orte für ebensolche.


Wandervogelgruss, Max


PS: Song zum Thema: «Mountain Top» von Daniel Johnston vom Album «Fear Yourself», 2003.